Der Bund, 17.05.2010
Stocker reisst YB aus den MeisterträumenDer 21-jährige Krienser beim FC Basel sorgte mit seinem Tor in der 39. Minute für die Vorentscheidung in der Finalissima und bereitete zudem das 2:0 von Scott Chipperfield vor.
Den Young Boys blieb nichts erspart. Zuerst verspielten sie ihre Meisterträume im ausverkauften eigenen Stadion, und danach wurden die Basler im Stade de Suisse auch noch mit dem Meisterkübel beehrt.
Die YB-Spieler taten sich das nicht mehr an und verschwanden während der FCB-Zeremonie durch den Tunnel in die Kabine. Es war auch der Tag, da Seydou Doumbia zum letzten Mal das YB-Dress trug. 50 Meisterschaftstore hat er in seinen zwei Jahren für die Young Boys erzielt. Doch gestern, als die über 25 000 YB-Fans im gelb-schwarzen Stadion auf die Erlösung hofften, traf der Mann von der Elfenbeinküste nicht.
Nichts war zu sehen von seiner Inspiration, der Spiellust, und wenn er zum Sprint ansetzte, bog er das Rückgrat seltsam, sein hohles Kreuz deutete darauf hin, dass er nicht ohne Probleme war. «Ja, ich war nicht ganz fit», sagte er hinterher zu seinen Adduktorenbeschwerden mit leiser Stimme. «Aber es war das Spiel, das ich unbedingt spielen musste. Voilà, es hat nicht geklappt.»
Doumbia am 23. Mai in SionNun entschwindet Doumbia für drei Tage nach Afrika. «Ich werde meine Eltern besuchen», sagte er. «Am 23. Mai bin ich wieder zurück, dann rücke ich mit der Nationalmannschaft in Sion ins Trainingslager ein.» Und Doumbia hofft, den «Cut» zu überstehen, wenn der Nationalcoach der Elfenbeinküste, Sven-Göran Eriksson, aus dem 30-Mann-Kader die 23 bestimmt, die an die WM nach Südafrika fliegen dürfen. Erikssons Wahl wird für Doumbia auch entscheiden, wann er zu seinem neuen Klub ZSKA Moskau stossen wird.
«Die zwei Jahre YB werden in meinem Gedächtnis eingraviert bleiben», sagte er noch, bevor er sich von dannen machte. Auch Alberto Regazzoni stellte sich tapfer vor die Mikrofone. Die Enttäuschung schien den kleinen Tessiner zu Boden zu drücken. «Ein sehr schwieriger Tag», sagte er. «Ich weiss nicht, wie lange wir brauchen, um diese Enttäuschung zu verarbeiten.» Und er wiederholte. «Ein schwieriger Tag, er wird mich während der ganzen Ferien nicht loslassen.»
In einer ganz anderen Gemütsverfassung befand sich Valentin Stocker. Er erlebt das Ende des Spiels mit einbandagiertem linkem Fuss aus der Perspektive des Zuschauers im Eingang zur Kabine, ausgerechnet er, der einen grossen Tag hinter sich hat: Der FCB hat YB auch oder vor allem dank ihm besiegt. Stocker hat das 1:0 selber erzielt, das 2:0 von Chipperfield hat er vorbereitet. Ein Unentschieden hätte zum Titel gereicht, jetzt ist es ein Sieg geworden, ein souveräner dazu.
Kein Wort zum NationalteamJetzt geht es für ihn darum, Anschluss zu finden bei der Mannschaft. Auf den letzten Metern lässt er sich von Nikola Vidovic tragen, dem kräftigen Konditionstrainer. Später stellt er sich hin und fasst die aufwühlenden Ereignisse der Woche in klar geordneten Gedanken zusammen. Am Dienstag eröffnet ihm Ottmar Hitzfeld, dass er an der WM auf den Basler verzichtet. Stocker verarbeitet den Rückschlag tags darauf mit seinem Mentaltrainer Christian Marcolli, seine Familie baut ihn auf, und Ende Woche, bevor es nach Bern geht, ist seine Verfassung gut genug, um gegen YB zur prägenden Figur zu werden. Stocker gibt keinen polemischen Ton von sich, er betont mit Nachdruck, dass er seinen Auftritt keineswegs als Wink an den Nationaltrainer verstehen will. Lieber sagt er: «Man kann unsere Leistung kaum genug loben. Nach dem Trainerwechsel haben wir uns kontinuierlich gesteigert.» Seine Rolle im Team hat sich auch gewandelt. Am 10. Mai 2008 erlebte er sein erstes Finale gegen YB als aufstrebendes Nachwuchstalent und leistete seinen Beitrag zum 2:0 mit einem Tor.
Stocker – nicht fit für MeistertanzZwei Jahre später ist er in der Hierarchie weit oben, er zählt zur Riege der Führungsspieler. Und er erzielt wieder einen Treffer. Abgeklärt meldet er hinterher: «Wir wussten: Wenn wir gegen YB mit seinem 3:4:3-System auf den Seiten stärker sind, gewinnen wir. Genauso ist es herausgekommen.» Gebremst wird Valentin Stocker erst nach 83 Minuten. Nach Schneuwlys Attacke ist für ihn das Spiel zu Ende und der Abschied auf der Bahre kein Genuss. Verbitterte YB-«Fans» werfen Gegenstände und Bier.
Den ausgelassenen Tanz muss er seinen Kollegen überlassen. Streller fällt Fink um den Hals, Abraham, eingehüllt in eine argentinische Flagge, zeigt Emotionen wie Cagdas, mit Tränen in den Augen. Shaqiri, das quirlige Kraftpaket, ruft überschwänglich: «Jetzt geht in Basel die Post ab! Und dann wollen wir in der Champions League angreifen!» FCB-Vizepräsident Bernhard Heusler ist der stille Geniesser, der aus sicherer Distanz beobachtet. Er ist stolz auf den Steigerungslauf der Mannschaft.
YB-Trainingsbeginn ist am 10. Juni«Dieses erste Tor von Stocker hat das Spiel entschieden, und ich bin sehr enttäuscht, dass wir ein solches Konter-Tor zugelassen haben. Genau diese Situation habe ich mit der Mannschaft noch besprochen.» YB-Trainer Vladimir Petkovic sprach seine Sätze bedächtig – mit belegter Stimme. «Fussball ist manchmal sehr bitter, so wie das normale Leben. Jetzt sind wir alle enttäuscht, sind am Boden. Aber es kommt die Zeit, da wir den Kopf wieder hoch halten und uns neue Ziele setzen.»
Nun denn, Trainingsbeginn von YB vor der neuen Saison ist am 10. Juni. Vom 13. bis 19. Juni geht es dann ins Trainingslager in die Nähe von Rimini.
Die Basler aber denken noch lange nicht an die neue Saison: Sie feierten die ganze Nacht am «Barfi».
http://www.derbund.ch/bern/dossier/alles-zu-den-berner-young-boys/Stocker-reisst-YB-aus-den-Meistertraeumen/story/29202811