NZZ, 16.05.2010
Das Duell der ErneuererVor der Finalissima – was die Coachs Fink (FCB) und Petkovic (YB) verbindet
Benjamin Steffen ⋅ Auf einem A5-Papier steht fein säuberlich, was Vladimir Petkovic sagen will. Es ist Freitagmittag, und der YB-Coach möchte vorgaukeln, den 1:5-Taucher seines Teams vom Vorabend in Luzern habe es nie gegeben. Er blickt nur nach vorn, auf die Finalissima am Sonntag gegen Basel (16 Uhr 15). Petkovic spricht von «Willen und Leidenschaft» der Spieler; er weissagt, YB werde siegen, «das sagte ich immer», und er spuckt Zynismus: «Schade, muss Basel Zweiter werden.»
Die verzweifelt-vergiftete Speerspitze wäre ganz und gar unnötig, weil sie wie ein Bumerang auf Petkovic zurückfliegt, sollte Basel wider YB-Erwarten Erster bleiben. So nuanciert und vielschichtig Petkovic oft im kleinen Kreis wirkt, so sehr gefällt er sich offenbar vor grösserem Publikum als Lautsprecher.
Ecken, Kanten, WidersprücheMit Thorsten Fink leistet er sich ein Trainer-Duell auf hohem Niveau. Wer die Finalissima gewinnt, totalisiert 80 Punkte, so viel wie kein Meister seit 2004. Die hohe Pace im Titelrennen verblüfft, da sowohl Petkovic (ab August 2008) als auch Fink (ab Juni 2009) vor den Jobs in Bern und Basel nie in einer höchsten Liga arbeiteten. Doch beide scheuten sich nicht vor frappanten Einschnitten und kleideten die Equipen in neue Systeme: Petkovic wählte «sein» 3:4:3, Fink setzt anders als Vorgänger Christian Gross auf zwei Stürmer.
Der Mut zur Erneuerung nährt sich beidenorts aus viel Selbstvertrauen. Finks Selbstverständnis gründet in seiner Spielerkarriere, die den Deutschen zum Titel-Sammler mit Bayern München machte. Petkovics Leben aber prägte nicht nur der Fussball, sondern auch die Integration in der Schweiz und die Tätigkeit als Sozialarbeiter. Der schweizerisch-kroatische Doppelbürger trainierte jahrelang nebenamtlich Klubs auf unterer Stufe (Agno, Lugano, Bellinzona); er war stets erfolgreich, über die Arbeit im Tessin ertönt fast nur Lob.
Erst die Scheinwerfer der Super League fördern Ecken, Kanten, Widersprüche zutage. So sagte Petkovic am Freitag: «Statistik ist Vergangenheit.» Doch bemühte er bis zum Niederlagen-Doppelpack im April gegen GC und den FC Sion nicht allzu gern die Statistik und betonte, YB habe mit ihm noch nie zweimal hintereinander verloren?
«Fink war ein Lernender und Suchender», sagt Heinz Hochhauser, «das sind Indizien dafür, dass jemand später Erfolg hat.» Hochhauser ist leitender Funktionär bei Red Bull Salzburg, wo Fink 2006 und 2007 Junioren- und Assistenz-Coach war. Fink denke «nicht in Schubladen», sagt Hochhauser, «er sieht auch die Hintergründe, A ist nicht einfach A, B nicht bloss B.»
Befreier von der VerbissenheitMehr Schattierungen enthält das Bild aus Ingolstadt, wo Fink einen jungen, strukturell schwachen Klub 2008 in die 2. Bundesliga führte, ein Jahr später nach elf Spielen ohne Sieg aber freigestellt wurde. Andreas Schleef, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende, nimmt sich viel Zeit, um fair und fundiert über Fink zu reden. Er, Schleef, schätze ihn «persönlich sehr», doch in der 2. Bundesliga hätten alle – Klub und Coach – Lehrgeld bezahlt. Fink habe sein Team immer verteidigt, «er redete die Sache besser, als sie vermutlich war, nicht nur gegen aussen, sondern auch nach innen». Diese Haltung gründe wohl darin, dass Fink zu sehr an die Eigenverantwortung der Spieler glaube.
Was in Ingolstadt zur Entlassung führte, klappt in Basel, da Fink mit Frei, Huggel und Streller Spieler hat, die Kollegen auf die Finger klopfen. Doch ob er mehr ist als der Befreier von der Verbissenheit der Ära Gross, muss sich weisen. Fink verströmt Lockerheit – dass er auf Kritik dünnhäutig reagieren kann, wie es aus Ingolstadt heisst, ist hier fast unbekannt. Fast. Am 30. August 2009, nach dem 1:2 gegen YB, gab Fink ein TV-Interview und kokettierte mit seiner Karriere auf höchstem Niveau. Damit wollte er den Reporter entwaffnen, entblösste aber sich selber – offenbar fehlten ihm Argumente, was ihn zu einer Attacke trieb, die simpler kaum hätte sein können. Doch weil sein Team nach dem 30. August 22 von 27 Ligaspielen gewann, musste sich Fink nicht mehr mit seiner Vita brüsten. Wer Rückenwind hat, braucht keine dicke Haut.
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