BZ, 23.11.2004
Eine glückliche Beziehung
Francisco Neri erlebte in seinen ersten knapp fünf Monaten in Bern schon Höhen und Tiefen. Toller Start, schlimme Verletzung, starkes Comeback. Auch am Samstag beim 2:1-Cupsieg von YB in Sion traf der Brasilianer.
Francisco Neri / Andreas Blatter »YB-Dossier
Francisco Neri hatte im Sommer einen sensationellen Saisonstart für die Young Boys hingelegt. In den ersten zwei Spielen gegen seine ehemaligen Arbeitgeber aus der Ostschweiz, St. Gallen und Schaffhausen, erzielte der schlaksige Brasilianer vier Tore – und spielte sich auf Anhieb in die Herzen der YB-Anhänger. «Es ist sehr schön hier in Bern. Umso wichtiger war es, dass mir ein guter Start gelungen ist», sagt Neri heute, nach überstandener Verletzung. Eine Schulterverletzung, die sich der Brasilianer im Champions-League-Qualifikationsspiel bei Roter Stern Belgrad (0:3) zugezogen hatte, zwang ihn zu einer dreimonatigen Pause.
YB-Arzt Rudolf Roder operierte Neri in der Berner Klinik Permanence. «Viele Spieler, der Präsident Peter Mast und auch Reto Gertschen kamen mich besuchen, das hat mich gefreut», sagt Neri. Trotzdem war es eine harte Zeit für den Brasilianer. «Im ersten Monat nach der Operation hatte ich Motivationsschwierigkeiten. Ich war sehr enttäuscht, dass ich nach nur zwei Spielen für meinen neuen Verein schon verletzt war.»
Über Umwege zurück
Neri ist ein Spätzünder. Erst mit 15 Jahren spielte er erstmals für einen richtigen Verein. «Ich spielte natürlich schon als ganz kleiner Junge, aber nur zum Spass.» Der Aufstieg war dann aber umso eindrucksvoller. Innerhalb von fünf Jahren schaffte er den Sprung in die höchste brasilianische Liga.
Bei der riesigen Anzahl an brasilianischen Topspielern ist es allerdings nicht einfach, sich durchzusetzen. So kam Neri über einen Agenten mit Kontakten zur Schweiz vor sieben Jahren nach Bern zum FC Köniz (damals 1. Liga), nachdem der FC Thun kein Interesse gezeigt hatte. Sein Talent war unbestritten, doch war es schwierig, ihn auf Grund seiner Spiele in der 1. Liga einzustufen. Seine körperlichen Defizite verhinderten damals nach einem Sichtungstraining den Transfer zu YB. Neri begab sich auf seine Wanderjahre und spielte für St. Gallen, Wil, Kriens und Schaffhausen. Er war bei allen Vereinen torgefährlich, doch fehlte ihm bei sämtlichen Engagements die Konstanz.
Letzte Chance YB?
Die soll er nun bei YB beweisen. Zusammen mit seiner Familie lebt Neri in Schönbühl in der ehemaligen Wohnung seines Landsmannes Leandro, der inzwischen bei Hannover in der Bundesliga aktiv ist. «Es gefällt auch meiner Frau gut, und meine Tochter Carol (21 Monate) ist unser grosses Glück.» Neris Familie ist im Moment in Brasilien und wird nach den gemeinsamen Festtagen – Neri fliegt über Weihnachten ebenfalls in seine Heimat – Anfang Januar in die Schweiz zurückkehren.
Für Neri ist der Transfer zu YB ein Glücksfall. Mit 28 Jahren ist er in den besten Fussballerjahren. Wenn er es bei YB jetzt nicht packen kann, dann wird er es wohl nirgends mehr schaffen. Doch wie es im Moment aussieht, beruht das Glück auf Gegenseitigkeit. Denn Neri dankt das Vertrauen seines Arbeitgebers mit einer traumhaften Torquote. Auch am Samstag, beim 2:1-Cupsieg in Sion, erzielte er einen Treffer. Er scheint die ideale Ergänzung zu Stéphane Chapuisat zu sein. Trainer Hans-Peter Zaugg wartete auf jeden Fall sehnsüchtig auf die Rückkehr seinen schnellen und trickreichen Stürmers. «Mit ihm haben wir offensiv mehr Varianten. Man kann ihn auch einmal mit einem Befreiungsschlag von hinten lancieren. Und er versteht sich tatsächlich sehr gut mit Chapuisat», lobt Zaugg.