Der Bund, 29.08.2009
«Wieso bin ich ein Mensch, der so stark polarisiert?»YB-Mittelfeldspieler David Degen ist in grosser Form. Vor dem Spiel der Young Boys morgen beim FC Basel spricht der Basler ehrlich und überlegt über sich, seinen Wandel, seinen Bruder und seine Zukunft.
Was würde der Journalist David Degen den Fussballer David Degen fragen?
David Degen: (überlegt sehr lange) Das ist eine sehr gute Frage. Ich weiss ja alles von mir (lacht).
Und was würden Sie gerne einmal in einem Interview erklären?
(Überlegt noch länger) Ich habe etwas, was mich sehr interessieren würde: Wieso bin ich ein Mensch, der so stark polarisiert?
Und was würden Sie antworten?
Das wüsste ich auch gerne (lacht wieder). Nein, im Ernst, ich denke, das hat damit zu tun, dass ich immer offen und ehrlich bin.
Vielleicht überfordert dieses Denken in der Schweiz, wo die Leute zurückhaltend sind, viele.
Das mag sein, ja, ich gehe auf die Leute zu, ich bin extrovertiert.
Leute, die Sie gut kennen, sagen: David ist ein sehr lieber Kerl, aber er bringt es nicht immer rüber.
Das kann gut sein, meine Art erschreckt vielleicht einige Leute. Ich arbeite an mir und habe bereits Fortschritte gemacht.
Können Sie Leute verstehen, die sagen, Sie seien arrogant?
Nein! Für mich ist Arroganz etwas anderes. Ich bin selbstbewusst und zielstrebig, sehr sogar, ich gehe auf den Platz und zeige meinem Gegenspieler: Dieses Spiel gewinnst du nicht! Dazu gehört eine Körperhaltung, die Selbstsicherheit signalisiert.
Gab es für Sie auch schon unangenehme Momente mit Fans?
Ja, in der Vorbereitung warf mir ein YB-Fan während des Spiels gegen Wohlen einen Bierbecher an.
Wie haben Sie reagiert?
Ich habe ihn zur Rede gestellt. Er war mit meinen Leistungen nicht zufrieden, er fand, ich zerreisse mich nicht für YB. Da habe ich ihm gesagt, wenn er als Berner in Basel arbeiten und keinen guten Job machen würde, wäre meine Reaktion nicht, ihm einen Bierbecher anzuwerfen.
Heute schätzen Sie die meisten YB-Fans, doch Sie hatten es als Basler lange schwer. Und Ihre Leistungen letzte Saison waren…
…nicht gut, das weiss ich, ich habe die Erwartungen nicht erfüllt. Ich bin selbstkritisch.
Sie hatten Mühe mit dem 3-4-3-System und waren bis zu diesem Sommer nicht bereit, die neue Rolle zu akzeptieren.
Ich wollte lange nicht annehmen, was man von mir verlangte. Ich war innerlich gefangen in meinen Gedanken und wollte die Hürde nicht überspringen, ich wollte um die Hürde laufen. Heute gehe ich die Aufgabe positiv an. Hinzu kommt etwas anderes.
Was?
Das 3-4-3-System erfordert gedankliche Arbeit, man muss flexibel sein, man muss oft verschieben, es ist deutlich anforderungsreicher als das 4-4-2-System. Man muss auch körperlich bereit sein und lange Wege gehen. Ich habe erstmals seit drei Jahren eine Sommervorbereitung voll mitmachen können. Davon profitiere ich jetzt.
Im Sommer sah es noch so aus, als ob Sie YB verlassen müssten.
Das ist nicht ganz richtig. Jeder Spieler analysierte nach der Saison die Situation mit Trainer Vladimir Petkovic, Sportchef Alain Baumann und Stadionchef Stefan Niedermaier. Natürlich war die Bilanz bei mir unbefriedigend. Aber ich habe gesagt, dass ich nicht aufgebe und mich bei YB durchsetzen wolle.
Wie wichtig ist es für Sie, dass mit Carlos Varela, mit dem Sie sich einmal im Training geprügelt hatten, und Thomas Häberli oder Christian Schwegler Teamleader nicht mehr bei YB sind.
Das spielt für mich keine Rolle. Wir haben jetzt einen ausgezeichneten Teamgeist, wir haben viel Spass. So etwas habe ich noch nie erlebt. Zudem haben wir eine natürliche Hierarchie.
Und wo stehen Sie da?
Ganz oben ist natürlich der Trainer, das muss in einem Fussballteam so sein. In der letzten Saison war ich unten in der Pyramide, heute bin ich weiter oben. Ich bin aber noch nicht die Leaderfigur, die ich bei YB sein möchte. Nach fünf, sechs guten Partien kann man das nicht sein. Ich hoffe, bald auf einer Stufe mit Marco Wölfli, Mario Raimondi und Gilles Yapi zu stehen.
Wenn sich Raimondi aber nicht verletzt hätte, würden Sie bei YB wohl auf der Ersatzbank sitzen.
So sehe ich das nicht. Ich hätte meine Chance erhalten. Diesmal war ich bereit, die Aufgabe im linken Mittelfeld zu akzeptieren. Also habe ich gelernt, den linken Fuss mehr zu gebrauchen, so schlecht ist er übrigens nicht, und das Verhalten anzupassen.
Und was passiert, wenn Teamleader Raimondi zurückkommt?
Das werden wir sehen, es wird Platz für uns beide haben. Auch Thierry Doubai wird uns enorm verstärken, er ist eine Sensation, er spielt die Bälle aus 30, 40 Metern perfekt, links wie rechts.
Und warum spielen Sie eigentlich ungern im Sturm?
Ich brauche Platz für Dribblings.
Nicht wie Seydou Doumbia?
Er ist überragend. Ich habe noch nie einen Fussballer mit einer solchen Antrittsgeschwindigkeit gesehen. Er hat alles, was ein Stürmer braucht, er ist brutal schnell, torgefährlich, kräftig, auch taktisch und technisch hat er grosse Fortschritte erzielt.
Mit Spielern wie Doumbia und nach diesem Saisonstart kann das YB-Ziel nur der Titel sein.
Natürlich. Wenn ich für den Titel durch eine Wand rennen müsste, würde ich es tun (lacht). Und dann möchte ich in der Champions League dabei sein. Zürich darf nun gegen Milan, Real Madrid und Marseille spielen. Das ist fantastisch und muss unser Anspruch sein. Sehen Sie, das meine ich. Ich sage: Wir wollen Meister werden. Das ist selbstbewusst. Würde ich sagen: Wir werden Meister, wäre das arrogant.
Und am Sonntag, beim Spiel in Basel, ist YB Favorit…
Der FCB hätte in unserer Lage dieses Selbstverständnis. Wir wurden letzte Saison Zweiter, Basel Dritter, und jetzt haben wir zehn Punkte mehr, also sind wir Favorit. Doch wir müssen demütig bleiben. Ich warne davor, Basel und Zürich abzuschreiben. Das sind starke Teams, die wissen, wie man Titel holt. Das müssen wir noch lernen.
Sie kommen aus Basel…
…nein, aus Basel-Land…
…und haben in Basel immer noch viele Kollegen.
Natürlich ist das für mich ein spezielles Spiel. Mit den Nationalspielern Benjamin Huggel, Marco Streller und Alex Frei oder mit Leuten aus dem FCB-Vorstand habe ich engen Kontakt.
Und mit Ihrem Zwillingsbruder Philipp Degen telefonieren Sie tatsächlich jeden Tag zehnmal?
Manchmal sogar noch mehr. Das passiert einfach, teilweise rufen wir uns in einer Stunde dreimal an. Wir brauchen uns.
Waren Sie nie eifersüchtig auf Ihren Bruder, weil er beim Weltverein Liverpool spielen darf und rund 10 Millionen Franken in vier Jahren verdienen soll?
Nein, nie, absolut nie, ich mag ihm alles von Herzen gönnen. Er hat schwierige Zeiten erlebt, er hat über ein Jahr nicht spielen können. Er profitiert in Liverpool viel und gibt mir Tipps.
Zum Beispiel?
Rafael Benitez ist einer der besten Trainer der Welt. Er hat Philipp einmal gesagt: Do the right things in the right moment (Mach die richtigen Dinge im richtigen Moment). Das ist einleuchtend und seither meine Devise auf dem Fussballplatz.
Ihr Bruder spielt in der Premier League. Ist das auch Ihr Ziel?
Ich bin bei YB. Diese Frage stellt sich derzeit wirklich nicht.
Das war jetzt eine sehr professionelle Antwort. Aber war Sie auch ehrlich? Jeder Schweizer Fussballer träumt doch vom Ausland.
Ich werde nie mehr etwas machen, das mir nicht passt. Ich habe in Gladbach gelitten, ich durfte nicht spielen, ich war traurig, das will ich nie mehr erleben.
Aber Sie würden nie versprechen, 2011 noch bei YB zu sein?
Das ist mein Ziel. Aber im Fussball kann es schnell gehen. Wenn Stefan Niedermaier am 31.August, kurz vor Ende der Transferperiode um 23.01 Uhr, ein Angebot über 25 Millionen für Doumbia erhält, ruft er eine Telefonkonferenz mit den Investoren ein. Und um 23.40 Uhr ist Doumbia vielleicht verkauft. Das wäre bei dieser Summe ja leider logisch.
Und wenn am 31.August ein Angebot für Degen kommt.
Dann geht es nicht um 25 Millionen und ich bleibe in Bern. Klar, ich möchte irgendwann wieder mit meinem Bruder spielen…
…beide auf der rechten Seite?
Das muss nicht sein, wir können auch die Degen-Zange bilden…
Fürs Nationalteam wurden Sie und Philipp nicht aufgeboten.
Das ist schade. Ich werde weiter versuchen, mich aufzudrängen.
Viel besser als in den letzten Wochen können Sie kaum spielen.
Das haben Sie behauptet. Ich muss diese Leistungen über einen längeren Zeitraum zeigen. Die WM 2010 ist ein Ziel von mir.
Was machen Sie eigentlich in der Freizeit? Playstation, Discos…
…nein, selten. Ich bin ein kommunikativer Typ und diskutiere gerne. Und ich bin auch politisch sehr interessiert…
…das sagen Fussballer selten.
Ich mag Politik, sie ist wichtig für unser Land und spannend.
Stimmen Sie auch ab?
Natürlich, immer.
Und welche Partei wählen Sie?
Das sage ich nicht, ich möchte nicht noch stärker polarisieren.
Das ist jetzt nicht sehr offen.
Doch, es ist offen und ehrlich, weil ich finde, dass das niemanden etwas angeht. Und ich würde nur Leute verärgern. Das ist eigentlich sehr schade, denn man sollte nie über Menschen urteilen, die man nicht kennt.
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