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27.04.2018
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Danke für diese neue Leichtigkeit, liebe Young Boys
Seit YB gewinnt, wenn es muss, lebt es sich in Bern leichter. Wir Berner sind geübt in Enttäuschung, jetzt leisten wir uns Vorfreude. Dafür gebührt den Young Boys und ihrem Trainer Adi Hütter mein heisser Dank.
Liebe Young Boys, dass ich das noch erleben darf! Es ist offenbar doch möglich, in einem Leben mehr als einen YB-Meistertitel zu feiern. Ich dachte schon, man müsse sich mit bloss einem begnügen. So wie es ja auch selten mehrmals in einem Leben die ganz grosse Liebe gibt.
Den ersten YB-Titel meines Lebens – den von 1986 mit dem legendären 4:1 auswärts gegen Xamax Neuenburg – habe ich erst kürzlich auf Youtube nachgeholt. Ich war nämlich nie ein Hardcore-YB-Fan. Auch wenn mir der Tabellenrang des Clubs nie egal war, war YB dennoch nicht mein Leben. Diesen Text illustriert deshalb auch kein Foto von mir im YB-Dress. Ich habe nie eins getragen. Der von Bergen im gelb-schwarzen Shirt heisst Steve, nicht Stefan wie ich. Ich bin auch nicht verwandt mit ihm. Aber morgen Abend oder dann halt in ein paar Tagen freue ich mich mit Steve und euch anderen Young Boys.
Wisst ihr eigentlich, dass ihr mich gerade von diesem nagenden Berner Zweifel kuriert? Es war ja bis jetzt so, dass ihr uns dann, wenn man langsam auf einen anhaltenden Erfolg zu hoffen begann, immer wieder mal bitter enttäuscht habt. Etwa bei den unbeschreiblichen Cupniederlagen gegen Buochs aus der 2. Liga interregional und Le Mont aus der Promotion League. Oder gegen Sion im Cupfinal 2010 – nota bene nach einer 2:0-Pausenführung. Ich erspare euch die Aufzählung weiterer Flops, liebe Young Boys.
Ich war zwar nie treu an YBs Seite, aber jetzt realisiere ich, dass YB immer irgendwie an meiner Seite war. Es lehrte mich nämlich, die Welt durch die skeptische Brille zu sehen, vorsichtig zu bleiben und die Ansprüche wie den Ball flach zu halten. YB hat mich zum Zweckpessimisten gemacht. Die YB-Perspektive war auch nützlich, um Berns schleichenden Niedergang besser zu ertragen: den Verlust des Berner Jura, das Debakel der Spar- und Leihkasse Thun und der Berner Kantonalbank oder das Ende einstiger Berner Traditionsfirmen wie Tobler, Wander und Ascom. Nicht nur auf dem Fussballplatz barg die Zukunft im Bernbiet oft Unerfreuliches. Vorfreude dosiert man in Bern besser. YB zu begleiten, war eine Schule der Skepsis, mit der ich mich wappnete, um nicht allzu sehr enttäuscht zu werden.
Ich gebe zu, dass ich nach dem 2:2 jüngst gegen den FC Thun noch einmal in diesen Gefühlsabgrund blickte. Ich liess mich dann von Freunden trösten. Sie erklärten mir, dass YB den Thunern freundnachbarlich zum Klassenerhalt verhelfen wollte, damit auch künftig ein Kantonalderby zwei Berner Stadien füllt. YB werde dann unverzüglich weitersiegen.
Ihr habt jedenfalls schon drei Punkte vor dem Titel dieses klamme Gefühl, mit angezogener Handbremse zögerlich in die Zukunft zu gehen, weggeblasen, liebe Young Boys. Ihr gewinnt neuerdings auch dann, wenn ihr müsst. Und weil ihr es geil findet. Siegen wollen, an sich glauben, mit dem Wille Berge versetzen, kühn voranzupreschen, Risiken einzugehen: Was für ungeahnte neue Berner Frühlingsgefühle löst euer Sturmlauf aus, liebe Young Boys. Noch zögere ich, hier hinzuschreiben: Ihr schafft das, wir werden Meister! Aber ich will jetzt sein wir ihr. Ich will an den Erfolg glauben.
Lieber Adi Hütter, Ihnen möchte ich einen ganz besonderen Dank aussprechen. Vor zehn Jahren noch wurde sogar die ivorische YB-Tormaschine Seydou Doumbia von der Berner Krankheit des Versagens angesteckt. Sie aber, lieber Adi Hütter, haben es nun irgendwie geschafft, die auswärtige YB-Stürmergarde vor der Berner Infektion mit Selbstzweifeln zu bewahren. Toll, dass Sie es den aktuellen Young Boys verheimlichen konnten, dass YB wichtige Spiele eigentlich verliert. Am Ende, Herr Hütter, kurieren Sie noch ganz Bern von seinem Minderheitskomplex. Was für eine historische Leistung!
Ich verdanke Ihnen noch eine besondere Einsicht, lieber Herr Hütter: dass die Zukunft des Fussballs aus Afrika kommt. Bänz Friedli, der Kabarettist, sagte mir kürzlich, YBs Black Power sei ein Vorbote davon, dass die Schweizer Fussballnati in ein paar Jahren dunkelhäutig sein werde. Er könnte recht haben, denn beim Einbürgern sind wir ja im Spitzensport etwas schneller als in anderen Berufssparten.
Liebe Young Boys, ich möchte mich entschuldigen, dass ich in all den vergangenen Jahren kein sehr hilfreicher Fan war. Ich war eher der Opportunist, der dann zu euch hielt, wenn es gerade gut lief. Ich spürte aber immer diese Berner Anziehungskraft, die mich schon mit YB verband, als ich in den späten 1960er-Jahren im Oberaargau schwarz-weisse Schütteler-Bildli sammelte, am meisten von den Gelb-Schwarzen. Als ich nach Bern zog, unterhielt ich zu YB weiterhin nur eine Fernbeziehung. Das beste Spektakel im alten Wankdorfstadion war für mich dessen Sprengung.
Erst die darauf folgende Ära im idyllischen Neufeldstadion, in dessen unmittelbarer Nähe ich wohne, führte zu einer Annäherung. Obwohl YB noch so spielte, dass einer meiner damals kleinen Söhne sich auf dem Sitzplatz in der zweiten Halbzeit umdrehte und lieber fasziniert den gröhlenden Fans zuschaute. Ich erinnere mich auch mit Grausen an die skurrile Provinzshow nach Stéphane Chapuisats Abschiedsspiel im Neufeld: Man chauffierte den Goalgetter auf der Motorhaube eines gesponserten Peugeots rings ums Fussballfeld.
Was hat sich seit diesen Jahren des Krampfs und Knorzens nicht alles getan. Mein Verhältnis zu YB wurde enger und meine Nervenkostüm bei Misserfolgen empfindlicher. Und ihr, liebe Young Boys, wurdet – mit Auf und Abs – immer besser. Wie ihr euch zuletzt zu dieser ganz unbernischen Leichtigkeit emporgespielt habt, das war grosses Kino, liebe Young Boys. Danke!
Ihr wisst übrigens gar nicht, dass auch ich euch geholfen habe. Ich habe mir nämlich in dieser Saison nicht eines Eurer Spiele im Fernsehen angeschaut. Wenn ich früher mit unserem ältesten Sohn YB-Spiele verfolgte, geriet ich vor dem Fernseher ins Schimpfen, wollte sofort euer Gehalt kürzen und euren Trainer entlassen.
Unser Sohn fand mit der Zeit, bei so viel negativer Ausstrahlung von meiner Seite könne YB ja gar nicht gewinnen. Er erteilte mir dann förmlich ein YB-Fernsehverbot. Seither schaue ich mir nur noch im Nachhinein die Zusammenfassung eurer Supertore auf der SRF-Sport-App an.
Ich verspreche Euch, liebe Young Boys, ich halte mich an dieses Verbot, bis ihr Meister seid.
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27.04.2018
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«Du, Tinu, ich glaube, wir können Meister werden»
Die Meistersaison 1985/86 ist die letzte brillante Saison der Young Boys. Vor allem der Frühling 1986 ist brillant. Der Herbst 1985 ist es heute wohl nur in der verklärten Erinnerung der Fans.
Der damalige Duracell-Verteidiger Martin Weber, der beständigste YB-Spieler jener Zeit, erinnert sich lebhaft.
Dieser Tage stehen die Young Boys vor einem Meistertitel, der einem Start-Ziel-Sieg gleicht. Es begann mit dem 2:0 gegen Double-Gewinner Basel, und seit der 7. Runde ist YB permanent Leader.
Wie viel anders war es doch 1985/86. In jener Saison floss viel Wasser die Aare hinunter, bis der erste Meistertitel der Young Boys seit 1960 nach dem denkwürdigen 4:1-Sieg in Neuenburg gegen Neuchâtel Xamax am Samstagabend des 24. Mai 1986 feststand.
Früh in der Saison spielte YB nach drei Remis und einem Sieg daheim gegen das zähe Wettingen. In der 89. Minute erzielte Martin Weber das 2:1. Der Schiedsrichter sah als Einziger ein Foul des Torschützen. Selbst Weber, für seine Redlichkeit geschätzt, sagte nach dem Match, er habe nicht gefoult. Die YB-Spieler belagerten Schiedsrichter Tagliabue, nur der Captain Jean-Marie Conz nicht. Er war damit beschäftigt, seine Leute vor gelben und roten Karten zu bewahren. Vier Minuten lang wurde nur palavert.
Die Proteste beeindruckten den Unparteiischen offensichtlich, wie sich noch zeigte. In der 93. Minute fing Wettingens Goalie Brügger eine Flanke im Fünfmeterraum. YB-Stürmer Stefan Bützer rannte wie in Verrückter auf Brügger zu und bedrängte diesen. Der Schiedsrichter hätte Wettingen einen Freistoss zugestehen müssen. Brügger streckte den Arm, um sich Bützer vom Leib zu halten. Bützer fiel, wie vom Blitz getroffen, rückwärts zu Boden. Es gab einen Penalty, den Georges Bregy verwertete. Es war das vom Schiedsrichter mit Verspätung sanktionierte 2:1. Und es war ein zusätzlicher Punkt, der neun Monate später Gold wert war.
Für den Rest des Herbstes pendelte YB zwischen Sieg, Unentschieden und Niederlage. In den letzten Wochen vor der Winterpause deutete nichts auf eine besondere Saison hin. Im Cup-Achtelfinal in Zürich gegen GC traf Lars Lunde zweimal. Das nützte nichts, weil Mats Gren in seinem allerersten Spiel in der Schweiz viermal traf. GC - YB 5:2, hiess es am Schluss. Weber war Grens Gegenspieler gewesen. Heute fasst Weber das Erlebnis in einem knappen Satz zusammen: "Es war der Horror."
Der Horror breitete sich am darauffolgenden Wochenende auf die ganze Mannschaft aus. Baden war im Wankdorf zu Gast. Weber erinnert sich: "Es regnete, es war kalt, es hatte fast keine Zuschauer. Wir spielten hundsmiserabel." Baden gewann 1:0. Es war Badens erster und einziger Sieg der Saison. Die Aargauer flogen zuletzt mit 8 Punkten aus 30 Spielen hochkant aus der Liga. Weber: "Ich hätte keinem geglaubt, der mir damals den Meistertitel vorausgesagt hätte."
Der Carchauffeur aus Schweden
Es fehlte etwas, das die ziemlich gute zur sehr guten Mannschaft machte. Der Mosaikstein wurde in der Winterpause in Form von Robert Prytz verpflichtet. Prytz wäre mit noch so viel Training nie ein schmaler Wurf geworden. Als er im Januar beim Hallenturnier in Genf zur Mannschaft stiess, war der Schwede überdies untertrainiert. Martin Weber erwähnt heute mit einem Schmunzeln die Zeilen, die damals im "Bund" standen. Sportjournalist Charles Beuret hatte Prytz vor der Vernets-Halle aus dem Car steigen sehen. Beuret schrieb hierauf, er habe Prytz zuerst für den Chauffeur der Berner&Wanzenried Transporte AG gehalten.
Die Young Boys begannen die Rückrunde mit einem fitten Prytz und zwei klaren Siegen. In Basel jedoch mussten sie bös untendurch. Weber: "Wir hatten keine Chance. Basel hätte den Sieg zehnmal verdient." YB kam kaum aus der eigenen Platzhälfte heraus, aber in der letzten Minute zu einem Corner. Corner Prytz, Kopfball Zuffi, 0:1, Schluss.
Conz' unerwartete Mitteilsamkeit
Auf der Heimfahrt von Basel rückte Captain Conz im Car zu Weber und sagte ihm einen bedeutsamen Satz: "Du, Tinu, ich glaube, wir können dieses Jahr Meister werden." Aus dem Mund des sympathischen Irrwischs und Spassvogels Lars Lunde hätten die Worte kaum etwas bedeutet. Aber Libero Conz, der Jurassier, war der vielleicht leiseste Captain der Achtzigerjahre in der NLA. Er war souverän, besonnen und bescheiden. Vor den Journalisten begab er sich für jegliche Prognosen nie aufs Glatteis. Er konnte sagen: "Ja, wir können gewinnen." Der Journalist notierte und musste die Notiz sofort wieder vergassen, wenn Conz nachschob: "Wir können aber auch verlieren." Wenn Conz im Car extra den Sitz wechselte, um Weber diesen Satz zu sagen, musste es etwas bedeuten. Weber: "Diese Worte von Jean-Marie sind mir richtig eingefahren. Von diesem Moment an glaubte ich selber daran, dass es für uns zu machen war."
Tatsächlich liess sich YB von keinem Gegner richtig aufhalten - und schon gar nicht mehr dominieren wie von Basel. Der Motor stotterte kurz während zwei aufeinanderfolgenden Unentschieden gegen Lausanne und beim nach wie vor zähen Wettingen, lief die übrige Zeit aber tadellos. Auch beim legendären 3:0 gegen GC. Alle Tore fielen nach der Pause, das 1:0 erzielte Weber. "Dieses Spiel kann man nie vergessen", sagt der Seeländer heute. An jenem Schlechtwettersamstag kamen 33'000 ins Wankdorf. Solange das heutige Stade de Suisse noch steht, kann es eine solche Kulisse in Bern nicht mehr geben.
Martin Weber - die Beständigkeit selbst
In der Vereinsgeschichte der Young Boys ist Martin Weber, geboren am 24. Oktober 1957, eine Identifikationsfigur. Oft wird er als YB-Urgestein bezeichnet. Ganz korrekt ist das nicht. Der Klub wollte den damals 18-Jährigen 1975 vom Zweitligisten Aarberg nach Bern holen. Aber die Eltern legten das Veto ein. Die Berufslehre ging vor. Ab 1976 spielte er drei Saisons für den FC Biel in der NLB.
Im Frühling 1979 klopfte YB noch einmal bei Webers in Bargen bei Aarberg an. Die Zweierdelegation war hochrangig: Sportchef Karl Odermatt, Trainer Timo Konietzka. Webers sagten diesmal zu, und Konietzka bewies, dass ihm der junge Verteidiger etwas bedeutete. Vom ersten Spiel an setzte er ihn in die Startformation.
Als Weber seine Karriere 1995 beendete, hatten sich 499 Einsätze allein in der NLA zusammengeläppert. Cupspiele, Europacupspiele und die 28 Einsätze in der Nationalmannschaft nicht mitgezählt. Es hätten maximal 501 Meisterschaftsspiele sein können, aber zweimal musste Weber zuschauen, weil er nach Verwarnungen gesperrt war. Krank oder verletzt war er in den 16 Jahren nie.
Bernard Challandes war in Webers letzter Saison der einzige Trainer, der Weber nicht in die Startformation stellte. Und dies auch nur einmal. In jenem Match wurde Weber recht früh eingewechselt. Wer ihn ein YB-Urgestein nennt, hat trotz allem nicht ganz unrecht.
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27.04.2018
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«Ich YB dich» – selbst in Kanada machen die Berner glücklich
Der 54-jährige Bernie Lehmann ist vor 26 Jahren der Liebe wegen ausgewandert. Seiner zweiten grossen Liebe, den Young Boys, ist er aber treu geblieben – jetzt wird er dafür mit dem Meistertitel belohnt
Wer zum Teufel ist hier denn ein YB-Fan?
Als Raphael Brandenberger am Nachmittag des 22. Juli 2017 das Büro der Firma Fraserway in Vancouver betritt, um nach ein paar Wochen in der kanadischen Wildnis seinen Camper abzugeben, traut er seinen Augen nicht. Was den Touristen aus dem Thurgau schier aus den Socken haut: Überall ist es gelb und schwarz! Poster,Fotos, Logos, Aufkleber, Bilder. Bran- denberger fragt: «Wer ist hier YB-Fan?»
«Ich!», ruft Bernie Lehmann. Als sich Brandenberger als eingefleischter Anhänger des FC Basel zu erkennen gibt, packt Lehmann die Gelegenheit beim Schopf, um dem Landsmann eine wichtige Neuigkeit unter die Nase zu reiben: YB - FCB 2:0. Erst wenige Stunden zuvor ist das Saisoneröffnungsspiel der Super League zu Ende gegangen und der euphorische Lehmann sagt: «Die Zeit des FCB ist abgelaufen. 2018 wird YB Meister. Dann komme ich nach Bern, um zu feiern.»
Neun Monate später ist YB zwar so gut wie Meister und Lehmann noch immer euphorisch – aber zu seinem Leidwesen nicht in der Schweiz. 8309 Kilometer trennen ihn von Bern. Doch in Vancouver ist Saisonbeginn und die Touristen entern die Firma, bei der Lehmann den Kundendienst leitet. «Es killt mich, dass ich nicht in Bern sein kann. Aber ich kann unmöglich weg», meldet der 54-Jährige telefonisch aus dem Büro.
100 Meter vom Wankdorf Und dann erzählt er ohne Punkt und Komma aus einem spannenden Leben, das eng mit YB verbunden ist:
«Ich bin zusammen mit zwei älterenSchwestern 100 Meter neben dem alten Wankdorfstadion aufgewachsen. Mein Vater Rudolf war Elektriker und unter YB-Trainer Albert Sing auf dem Sprung in die erste Mannschaft. Er war gut befreundet mit Grössen wie Geni Meier, Charles Casali und Wale Eich. Meine Eltern sind beide 87-jährig und leben in Bern.
Schon als Knirps bin ich den YB-Junioren beigetreten. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Goalie sein wollte. Diese Position hat mich fasziniert: Machst du einen Fehler, kriegst du ein Tor. Für mich eine gute Lebenserfahrung. Einmal haben wir vor 30 000 Zuschauern ein Vorspiel von YB bestritten, und wir Junioren durften oft Ballboys sein. Die YB-Goalies wurden damals alle von Eich trainiert. Stefan Knutti, Bernard Pulver und ich haben wirklich hart trainiert. Aber mir hat dann wohl der letzte Wille gefehlt, um Karriere zu machen. Vom Charakter her bin ich jedoch bis heute ein Torhüter geblieben. Mein Spitzname: der Goalie. Passend dazu hängt ein Plakat des Films ‹Der Goalie bin ig› an der Tür zu meinem Büro. Ich bin ein Fan des Autors Pedro Lenz und finde ihn unheimlich humorvoll. Leider kenne ihn nicht persönlich.
Nach der Schulzeit habe ich dann das KV gemacht und bin beim Verkehrsverein Bern in den Tourismus eingestiegen. Ich war bei jedem YB-Heimspiel dabei. 1986, als es nach dem Zuzug des grossartigen Robert Prytz plötzlich zu laufen begann, auch auswärts. An jenem Abend, als YB in Neuenburg Meister wurde, hatten wir zwar Tickets, sind aber erst spät auf der Maladière angekommen. Wir sahen das Spiel zuerst nur von aussen durch kleine Schlitze. Es wurde ein unvergesslicher Abend: 4:1 gegen Xamax! Nach 26 Jahren waren wir wieder Meister. Meine Freunde und ich verbrachten die Nacht in Neuenburg – Halligalli!
An eine Episode aus jener Zeit erinnereich mich besonders gern: Nachdem der etwas untersetzte Pryz nach Bern gekommen war, lästerte ein Berner Reporter, das müsse der neue Buschauffeur sein. Zum Glück wurde der Kerl eines Besseren belehrt. Wir schlugen dann im Europacup Real Madrid durch ein Kopftor von Urs Bamert 1:0 und wurden 1987 Cupsieger.
Fünf Jahre später, mit knapp 29, bin ich dann nach Kanada ausgewandert. Nicht, weil es mir in der Schweiz nicht mehr gepasst hätte. Gegangen bin ich wegen der Liebe zu Martine. Aus dem Bernhard oder ‹Bänä› ist dann eben der Bernie geworden. Heimweh hatte ich nie – ausser nach YB. Heute ist die Familie vierköpfig. Wir haben 2005 zwei Buben aus Russland adoptiert: Igor (16) und Alexej (14). Beide spielen Eishockey. Wir leben in New Westminster, einem schmucken Vorort von Vancouver mit 75 000 Einwohnern. Mit dem Velo bin ich in 20 Minuten im Büro.
Meine Liebe zu YB hat in all den Jahren nie nachgelassen. Ich verfolge die Partien via Radio Gelb-Schwarz. Ich mag diese Burschen, die da kommentieren. Auf Youtube schaue ich mir jeweils die Pressekonferenzen an und sehe dann Medienchef Albi Staudenmann, mit dem ich noch ein paar Grümpelturniere bestritten habe. Beeindruckt bin ich von Trainer Adi Hütter, der nie einen Seich erzählt.
Super, wie YB spielt
Überhaupt bin ich begeistert, wie YB sich entwickelt hat. Entscheidend dafür ist die Arbeit von Hütter und Sportchef ‹Wuschu› Spycher, mit dem ich bei meinem letzten Besuch in der Schweiz im ‹Eleven› ein paar Minuten sprechen konnte. Spycher ist ein guterFreund meines Neveus. Ich finde super, wie YB spielt und die rührige Geschichte mit dem grossartigen Goalie Wölfli sowieso. Aber auch von Ballmoos, der Torhüter aus dem Emmental, gefällt mir. Die Fans kommen auf ihre Rechnung. Wenn ich an den Fallrückzieher von Hoarau denke oder die Direktabnahme von Sow: Wow!
Wenn YB heute gegen Luzern spielt, ist es bei uns zehn Uhr am Morgen und ich werde im Office voll im Stress sein. Aber ganz sicher alle paar Minuten bei Radio Gelb-Schwarz reinhören. YB wird eine Gala bieten und den Titel klarmachen. Das macht mich glücklich. Dass ich nicht dabei sein kann, ist jedoch schon sehr bitter.
Aber: Es gibt ja noch den Cupfinal. Ein Freund hat gesagt, er habe vielleicht ein Ticket . . . »
Sie können es noch immer: Ueli «Jacky» Schmutz und Marc «Cuco» Dietrich schmettern – unterstützt von Marcs Sohn Bruno Dietrich – jenen Song, dessen Refrain seit Jahren immer dann durchs Fussballstadion dröhnt, wenn YB ein Tor schiesst.
Das Original
Der originale «YB-Boogie» entstand 1986 – einige Wochen nach dem die Berner den Meistertitel gewannen. Für den Refrain waren damals die Spieler höchstpersönlich zuständig. Den Text steuerte Mundart-Legende Polo Hofer bei. Heute, fast 32 Jahre danach, erlebt der Gassenhauer im Studio des Regionaljournals eine exklusive Neuauflage.
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28.04.2018
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«Es ist Zeit, werden wir endlich abgelöst»
Vor dem ersten Matchball gegen den FCL reden fünf YB-Meisterspieler von 1986 über damals und heute.
Georges Bregy «Das ist eine andere mentale Belastung»
Die Diskussionen über damals und heute nehme ich in diesem Jahr nicht so stark wahr wie 2008 oder 2010. Vielleicht, weil YB so unwiderstehlich auftritt. Das Selbstvertrauen ist schon im Fernsehen spürbar, die Botschaft ist: «Gegen uns gibt es nichts zu holen.» Der Unterschied von damals zu heute? Mit uns hat niemand gerechnet, wir waren die graue Maus. Wir waren in der Rückrunde der Jäger, in dieser Saison war YB eine ganze Saison lang der Gejagte – das ist eine andere mentale Belastung. Was mir auffiel: Sieht man einmal von den Spielen gegen Thun ab, haben die Young Boys kaum mehr Punkte gegen die Aussenseiter abgegeben, Punkte, die ihnen in anderen Jahren gefehlt haben. Ich finde, das liegt auch daran, dass Trainer Adi Hütter nie mehr als nötig rotiert hat. Diese Mannschaft versteht sich blind, sie war schon früh gut eingespielt, das hat man gesehen.
Meine Erinnerungen an 1986 sind natürlich auch nicht mehr die frischesten. Aber die Bilder aus dem Bocciahäuschen habe ich noch, da muss ich immer lachen. Es ist so anders als heute, aber beides ist gut.
René Sutter «Die Umstände waren ganz anders»
Ganz ehrlich: Ich bin froh, war ich vor zwanzig, dreissig Jahren Fussballer und nicht heute. Ich sehe es am Beispiel meines Sohnes Nicola, der beim FC Thun spielt. Alles ist viel schnelllebiger geworden, ständig gibt es Wechsel im Kader und auf der Position des Trainers. Bei uns kam damals im Winter vielleicht ein Spieler hinzu, einer ging. Auch sonst waren die Umstände ganz anders, wir waren nicht so präsent in den Zeitungen und im Fernsehen. YB war ein Traditionsverein, aber kein Topclub, die Erwartungen an uns waren entsprechend nicht so hoch. In der Meistersaison 1986 entstand zum Saisonende hin ein Hype, aber er lässt sich nicht mit jenem von heute vergleichen.
Eine Meisterfeier auf dem Bundesplatz etwa wäre bei uns nie ein Thema gewesen, wir feierten bescheiden im Bocciahäuschen. Ich habe überhaupt kein Problem, werden wir nun als Meister abgelöst und vielleicht nicht mehr zu Jubiläen eingeladen. Meine früheren Teamkollegen treffe ich ab und zu bei Spielen mit den YB Old Stars, das genügt.
Reto Gertschen «Mbabu imponiert mir besonders»
Ein Titelgewinn überstrahlt alles, es ist der Lohn für all die Entbehrungen, die man in der Karriere auf sich nimmt. Ich bedauere jeden, der keinen Titel gewinnen kann. Vielleicht realisierten wir damals nicht, was wir mit dem Meistertitel 1986 und dem Cupsieg 1987 erreicht hatten, wir gingen rasch zum Alltag über. Erst später, als YB Jahr für Jahr ohne Titel blieb, begriff ich, welchen Effort wir damals geleistet hatten. Aber es ist Zeit, werden wir endlich abgelöst. Die Young Boys haben den Titel mehr als verdient.
Besonders imponiert mir die Entwicklung von Rechtsverteidiger Kevin Mbabu. Ich trainierte ihn im U-20-Nationalteam, körperlich war er da schon stark, er hatte auch eine coole Persönlichkeit, an den technischen Fertigkeiten musste er aber arbeiten. Jetzt ist er auf dem Platz kaum wiederzuerkennen, er hat Riesenfortschritte erzielt, es ist wirklich faszinierend.
Ein grosses Lob verdient auch Trainer Adi Hütter; er hat die Mannschaft kontinuierlich weiterentwickelt. Die Ernennung von Christoph Spycher zum Sportchef war das letzte Puzzlestück zum Erfolg.
Dario Zuffi «Gebt bei der Meisterfeier ?Gas»
Jeweils im Sommer, wenn sich abzeichnete, dass YB wieder keinen Titel gewinnt, nahmen die Interviewanfragen zu. Eigentlich ist es unglaublich, hat ein Verein wie YB 32 Jahre auf den Meistertitel warten müssen. Aber jetzt ist er hochverdient – das muss ich als Vater eines Basel-Spielers sagen.
Heute und damals lässt sich schwer vergleichen: Wenn ich eine Parallele zu unserer damaligen Equipe ziehen müsste, käme mir das Angriffsspiel in den Sinn. Mit Lars Lunde und mir hatten wir schnelle Spieler in der Offensive, auch jetzt ist das Tempo eine grosse Stärke.
Im Nachhinein muss ich sagen: Wir realisierten damals gar nicht, was wir erreicht hatten. Die Meisterfeier war relativ klein, und ich dachte, ich würde dann schon noch einen Meistertitel gewinnen, doch ausser jenen im Cup 1987 mit den Young Boys und 1993 mit Lugano kamen keine weiteren Titel hinzu, das fuchst mich heute schon ein wenig.
Deshalb gebe ich den YB-Spielern einen Rat mit auf den Weg: Gebt bei der Meisterfeier Gas, geniesst den Moment mit den Fans. Man weiss nie, ob man so etwas noch einmal erlebt.
Alain Baumann «Wir konnten uns bei einem Bier zeigen»
Lustigerweise werde ich in dem Jahr nicht so viel angefragt, von früher zu erzählen, wie in anderen Jahren, als die Young Boys kurz vor dem Titel standen. Es ist gut, hat Bern endlich eine neue YB-Meistermannschaft. 32 Jahre waren eine unerträglich lange Zeit. Und der Titel ist hochverdient, auch wenn ich glaube, dass es für YB nicht so einfach war, wie es nach aussen vielleicht manchmal den Eindruck gemacht hat. Mit dem Druck umgehen, die Konzentration so lange aufrechterhalten, dazu die vielen Beobachter, die nur auf einen YB-Ausrutscher warten.
Damals und heute, das lässt sich eigentlich nicht vergleichen. Der Fussball als solcher ist ein anderer, wir konnten uns am Donnerstag vor dem Spiel auch mal noch auf der Strasse bei einem Bier zeigen. Und am aktuellen Team bin ich zu wenig nahe dran, als dass ich es mit unserem vergleichen könnte. Aber fest steht: Die Mischung muss herausragend sein. Sonst ist eine solche Saison nicht möglich.
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28.04.2018
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Wohin mit all der Sehnsucht?
Jahrelang war YB vor allem von den Erinnerungen an alte Meister umgeben. Am Wochenende könnten sich endlich neue ins Fan-Gedächtnis einbrennen.
In den Händen der Kinder soll ja die Zukunft liegen, entsprechend gross waren die Augen dieses kleinen Jungen. Doch er sprach deutlich, er hatte sich vorbereitet für diesen Donnerstag im April, vor ihm seine Idole, Fussballer der Young Boys, auf ihren Schultern die Last der letzten 32 meisterschaftsfreien Jahre, und er, Nino sein Name, also fragte: «Wer wird eigentlich Meister?» Eigens für seine jüngsten Anhänger hatte YB eine Art Pressekonferenz einberufen, den Fragen stellten sich die Spieler Sow, Fassnacht, Benito und Wüthrich. Es ergab sich ein ausgelassener, köstlicher Dialog zwischen den frisch von der Leber weg fragenden Kindern und den jungen Spielern, doch diese eine Frage des kleinen Nino sorgte für einen kurzen Moment der Ernsthaftigkeit in der Veranstaltung. Um so mehr, als die Frage an den Buben zurückging, was er denn denke. Nino überlegte, drei, vier, fünf Sekunden lang, und sagte dann mit abermals grossen Augen: «Ich weiss es auch nicht.»
Seit Wochen stehen die Young Boys an der Schwelle zu einem der grössten Momente in ihrer Vereinsgeschichte. Mit traumwandlerischer Sicherheit eilen sie dem ersten Meistertitel seit 1986 entgegen, bereits heute, nach dem Heimspiel gegen Luzern, könnte es soweit sein. Doch was das mit ihnen macht, das wissen sie noch nicht, vor allem aber wissen es die Leute nicht, die sie dabei beobachten werden. Man weiss nicht mal, wie viele es sein werden, wenn es denn klappen sollte, klar, knapp 32 000 im Stadion – aber wie viele davor? Und was dann? Was passiert in den Köpfen und mit Körpern, in denen sich Emotionen aus drei Jahrzehnten entladen? Wohin mit all der Sehnsucht, die diesen Verein in den letzten Jahren vielleicht mehr mitgeprägt hat, als ihm lieb sein kann? Diese Sehnsucht, sie ist erwachsen geworden, 31 ist sie heute, oder 32, je nach Gewichtung von Cupsieg 1987 und Meisterschaft 1986. YB war ihr eine gute Mutter und was bleibt, ist eine komplizierte Mélange aus Tradition und Erfolg, aus Vergangenheit und Zukunft. Die Bedeutung der Historie führt zu Hysterie, wer darf eigentlich feiern und wer nicht, es sollen ja gefälligst viele, aber bitteschön die richtigen kommen zu diesem grossen Tag. Die Young Boys sind wieder richtig en vogue, das passt nicht allen. Gelegenheit macht YB. Wie alt warst Du bei deinem ersten Spiel? Aha, das war schon im neuen Stadion! Es scheint, als würden alle ein letztes Mal verzweifelt diese Erinnerungen hervorkramen. Ab heute könnten sich neue einbrennen. Das ist ungewohnt.
Dabei hat alles zaghaft begonnen, in dieser Saison rund um YB. Und jetzt, plötzlich, zur Stunde Null, dreht sich alles ganz schnell, es ist ein lautes Fanal geworden, eine hysterisch-euphorische Spirale. Der Schwarzmarkt ist wie immer Grauzone, im Internet kursieren Karten für 500 Franken, und die Young Boys hätten bedeutend mehr als die 31 120 Tickets verkaufen können. «Die Spieler sind heilfroh, können sie den Deckel endlich selber draufmachen», sagt ein Staff-Mitglied am Mittwoch vor der Partie. Hin und wieder ist Sport, ist Fussball ein Zerrspiegel, in dem sich unsere Gesellschaft ins Übermenschliche vergrössert. Auch die kleine Stadt Bern wird gerade gross und grösser gemacht, sie sieht sich konfrontiert mit Erwartungen an diesen einen Moment aus der lokalen Sporthistorie. Eine Zeitung aus dem Aargau versucht dem Stadtpräsidenten über 200 Zeilen hinweg verzweifelt zu entlocken, dass ganz bestimmt mehr als 100 000 Menschen an die Meisterfeier kämen. Eine andere will von ihm hören, dass es die fehlende Dynamik in der Berner Wirtschaft gewesen sein musste, ohne die der Grossclub YB Jahr um Jahr den Titel verpasste. Es wird gemutmasst und erdichtet, der Finanzausgleich lähme, die Beamtenstadt lahme. Der Zerrspiegel zerrt herzhaft, und es dürstet einen nach Vernunft, nach der Rückschrumpfung in menschliche Masse. Und wer geht da beispielhaft voran? YB.
Es ist Montag, T-5 bis zur Stunde Null, der ältere Herr steht auf, fährt sich durchs Haar und sagt: «Die Verpflegung im Stadion, sorry, aber die ist himmeltraurig.» Die Young Boys halten ihre Generalversammlung im Stade de Suisse, von etwa 13 000 stimmberechtigten Mitgliedern sind 285 gekommen, so viele wie sonst nie in den letzten Jahren. Es gibt echte Zuwendung, später Wurst und Bier und vorab starren alle auf das Rückenmark Schweizer Vereinskultur: die Traktandenliste. Auf der geht es unter «Varia» zu den Wortmeldungen. Es wird gesagt, was gesagt werden muss, es zieht in Sektor C, ein neues Einlauflied muss her, die Wurst zu kalt, das Bier zu warm. Einer entschuldigt sich beim anwesenden Cheftrainer Adi Hütter aufrichtig, dass er ihm an der Versammlung vor zwei Jahren in einer ebensolchen Wortmeldung offenbar unrecht getan habe – der Mannschaft fehle es ja gar nicht am Mittagsschlaf und überhaupt, er könne nur gratulieren. Für das zahlende Vereinsmitglied braucht es ein Ventil, selbst in diesen Wochen des Triumphes. Und es ist irgendwie passend, wenn Sportchef Christoph Spycher später ins Mikrofon sagt: «Am Samstag darf auch alles raus, was sich angestaut hat.»
Die Young Boys erleben auf diesen letzten Saison-Metern mehr Emotionen als zuvor während so mancher durchschnittlichen Spielzeit insgesamt. Gestern prallt auf heute prallt auf morgen; fünf Tage nachdem die Zukunft an der Kinderpressekonferenz ihre die neuen Helden befragte, stirbt eine der wichtigsten Figuren der YB-Gegenwart. Andy Rihs erliegt seiner schweren Krankheit, der Verein – auf der Zielgeraden, kurz vor der Jubelparade – hält inne, gedenkt und dankt dem Mitbesitzer und Investor. Aus Freude wird Trauer und später nach einem 4:1 über Lausanne wieder Freude, und so passt es, dass YB ausgerechnet im April, als Monat so etwas wie die Pubertät des Kalenderjahres, Meister werden könnte.
Es sind authentische Gefühle, weil darin, ähnlich wie in den melancholischen Berner Stadionhymnen, immer auch die Ungewissheit der Leidgeprüften mitschwingt. Aber wer zurückblickt, erkennt: In dieser Geschichte war alles drin, Wut und Enttäuschung, Entbehrung und Trauer, und wenn alles mit irdischen Dingen zugeht, so kommt heute oder morgen oder in den nächsten Wochen die versöhnende Erfüllung hinzu und komplettiert es: das grosse Einmaleins der YB.
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28.04.2018
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Die Young Boys beflügeln
Nach langem Warten dürften die Berner den ersten Platz im Schweizer Fussball endlich wieder einnehmen. Aber auch in anderen Bereichen arbeitet sich der Kanton an die Spitze.
Die Euphorie ist gross: Am Samstagabend könnten die Berner Young Boys nach 32 Jahren endlich wieder Schweizer Meister werden. 31 120 Fussballfans werden sich im Stade de Suisse, das bis auf den letzten Platz ausverkauft ist, versammeln. Ein schwarz-gelbes Fahnenmeer wird seinen Klub im Heimspiel gegen Luzern lauthals unterstützen. «Und aues nur, wüu mir di liebe . . .» Aber auch: weil die Spieler die Chance kein weiteres Mal in letzter Minute vergeben dürfen. Die Ausgangslage stimmt indes zuversichtlich.
Medizinalstandort Nummer 1
«Im Kanton Bern ist derzeit weit über den Sport hinaus eine Aufbruchstimmung spürbar», sagt der Berner BDP-Ständerat Werner Luginbühl. Und YB könnte diese noch beflügeln, «wenn auch der Fussball die Welt nicht verändern wird».
Tatsächlich spriessen die Ideen regelrecht. Am meisten zu reden gibt eine Vision, welche von der Politik mitgetragen wird: Während der Schweizer Finanzplatz von Zürich besetzt ist und Basel die Pharma-Industrie hat, möchte Bern Schweizer Medizinalstandort Nummer 1 werden. So sollen rund um das universitäre Inselspital weitere Forschungszentren im Bereich der Medizinaltechnik entstehen und Startups heranwachsen. Auch gibt es 100 zusätzliche Plätze für Medizinstudenten sowie einen neuen Masterstudiengang in Pharmazie. Der Plan könnte aufgehen: Im medizinischen Bereich hat Bern durchaus seine Stärken, und ein Wachstumsmarkt ist vorhanden. Auch handelt es sich um eine wertschöpfungsintensive Branche. «Ein mutiger Entscheid des Regierungsrates», findet Luginbühl. Nach einer beinahe «depressiven Phase» habe dieser eine «neue Dynamik ausgelöst».
Der wohl wichtigste Mann hinter der Vision ist Bernhard Pulver. Der grüne Regierungspräsident hat, auch wenn er am 1. Juni zurücktritt, einen wichtigen Entwicklungsdialog angestossen. Er möchte der neu zusammengesetzten – aber weiterhin bürgerlichen – Exekutive seine Gedanken mit auf den Weg geben. Als Vorbild dienten ihm dabei die Prozesse rund um die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL), welche, wie auch die ETH Zürich, stark von Bundesgeldern profitiert. Mittlerweile ist gar die Rede von einem «Silicon Valley der Romandie». Pulver sagt: «Dort wollen wir auch hin.»
Doch auch in weiteren Bereichen sind Visionen nötig. So ist Bern neben Zürich beispielsweise auch der wichtigste Industriekanton der Schweiz, was vielen nicht bekannt ist. Rund 90 000 Personen sind im zweiten Sektor tätig. «Der Nord-Süd-Gürtel zwischen Biel, der Uhrenstadt am Jurafuss, über Bern nach Thun ist seit vielen Jahrzehnten geprägt von der industriellen Produktion», erklärt Peter Stämpfli, Verwaltungsratspräsident des Kommunikationsunternehmens Stämpfli AG, und Bern-Kenner. Auch hier könnte angesetzt und der weiter Industriestandort gestärkt werden, sagt er.
Finanzielle Abhängigkeiten
Bei der Suche nach Visionen geht es letztlich um Grösseres. Und zwar um das übergeordnete Ziel des Kantons Bern, vom nationalen Finanzausgleich unabhängig(er) zu werden, wird er doch jedes Jahr wegen seiner Gesamtbezüge kritisiert. Dabei wäre er, gäbe es nur die wirtschaftlich starke Agglomeration, ein Nettozahler.
Wegen seiner schieren Grösse von knapp 6000 Quadratkilometern wird der Kanton Bern indes gerne als «träger Supertanker» bezeichnet, der nur schwer vom Fleck kommt. Hinzu kommen seine topografischen Lasten: weite Flächen und viel Berggebiet. Auch ist das Strassennetz des Kantons weit verzweigt und seine Infrastruktur kleinräumig, was sich in der Spitallandschaft zeigt. Insbesondere die aufgrund ihrer geografischen Lage strukturschwachen Regionen wie das Emmental, das Berner Oberland und der Berner Jura bereiten dem Kanton Kopfzerbrechen.
Der Grund für die finanzielle Abhängigkeit sind denn auch die fehlenden wirtschaftlichen Ressourcen des Kantons: «Aus eigener Kraft kann Bern nicht genügend Steuern einnehmen», erklärt Pulver. Die Branchen sind heterogen und wenig wertschöpfungsintensiv – wobei vor allem die bedeutende Landwirtschaft zu nennen ist. Die hier angesiedelten Staatsbetriebe wie SBB oder Post ändern daran genauso wenig wie die Verwaltung. Es geht also darum, das Ressourcenproblem zu lösen, damit sich Bern als Hauptstadtregion seine «durchschnittlichen Ausgaben» weiterhin leisten kann. Pulver betont: «Es geht hier nicht um Abbau, sondern darum, wertschöpfungsintensive Wirtschaftszweige aufzubauen.»
Spardebatten, dies hat die Vergangenheit zur Genüge gezeigt, führen gerne zu Allianzen zwischen Links und Rechts und somit zwischen Stadt und Land. Während es den Menschen in der Stadt, wo Rot-Grün das Sagen hat, gutgeht, machen sich die Menschen auf dem Land, wo die SVP zu Hause ist, schnell Sorgen. Sie fühlen sich bisweilen abgehängt. So ist es bei Entwicklungen, welche zu einer Zentralisierung hätten führen können, in der Vergangenheit immer wieder zu regionalpolitischen Diskussionen gekommen, welche eben diese Entwicklungen schliesslich verhindert haben. «Deshalb muss durch eine dezentrale Zentralisierung auch der Landbevölkerung eine faire Perspektive aufgezeigt werden», sagt Verleger Stämpfli.
Der Fussball macht es vor
Das gesetzte Ziel der Unabhängigkeit ist alles andere als neu, weshalb der frühere und langjährige Wirtschaftschef beim «Bund», Hans Galli, auch dieses Mal «keine Wunder» erwartet. Bereits seit den 1960er Jahren, nachdem Bern auf seinen internationalen Flughafen im Grossen Moos zugunsten von Zürich (Kloten) hat verzichten müssen und noch bevor der Kanton von den ehemals mausarmen Kantonen wie Zug oder Schwyz überholt wurde, werden die Berner Strukturprobleme regelmässig analysiert. Dabei wurden «immer wieder neue Rezepte erfunden». Er bezweifelt, dass nun «der grosse Sprung» kommt. Einen «neuen Drive» kann aber auch er beobachten. Galli sieht das Ganze einigermassen gelassen: Bern falle in seiner Entwicklung nicht zurück, hole aber auch nicht auf. Und: «Solange der Kanton das Geld aus dem nationalen Finanzausgleich erhält, geht es ihm einigermassen gut.» Ein Wermutstropfen bleibt die hohe Steuerbelastung.
Neu ist hingegen die Strategie: So haben in Bezug auf den Medizinalstandort die Industrie, die Wissenschaft und die Partner des Kantons über ideologische Grenzen hinweg das Gespräch gesucht, was auch Pulver zu verdanken ist. «Heute geht man wieder aufeinander zu», sagt BDP-Ständerat Luginbühl. Die Entwicklungen wurden von der Bevölkerung denn auch positiv aufgenommen. Und Stämpfli meint: «Wir sind nicht laut in Bern. Aber wir haben viel bewegt.»
Die Young Boys und ihre Fans machen es schliesslich vor: Sie sind drangeblieben. Für Pulver zeigt das: «Auch wenn wir seit Jahren klagen, dass wir wirtschaftlich zu schwach sind, heisst das nicht, dass wir nicht stärker werden können.» Irgendwann wird der Kanton Bern dann vielleicht auch zum Nettozahler im nationalen Finanzausgleich, beharrlich, in kleinen Schritten. Vorher aber dürfte YB Schweizer Meister werden.
Registriert: Mittwoch 21. April 2004, 00:08 Beiträge: 29376
28.04.2018
Zitat:
Als YB am Tiefpunkt angelangt war
Der frühere Berner Sportredaktor Peter Lerch erinnert sich an ein YB-Spiel im November 1999, das kaum jemanden ins Wankdorf lockte.
Heute fällt es mir leicht, von den Ereignissen des 21. November 1999 zu schreiben. Damals wettete ich mit mir, dass dieser Sonntag für immer der Tiefpunkt in der YB-Geschichte gewesen sein musste. Bis jetzt bin ich dabei, die Wette zu gewinnen. Die Affiche im Wankdorf hiess YB gegen Etoile Carouge, das Duell zweier als Teilnehmer an der Abstiegsrunde NLB/1. Liga feststehender Teams.
Es ging um nichts mehr, aber die 3 Grad unter 0 und die Bise liessen alle 1761 Leute schlottern. In der ersten Halbzeit war so gut wie nichts los. Torschütze war Thierry Ebe von Carouge. Ich hörte keinen Fan, dafür jeden Ruf der Trainer. Ich fragte mich, ob dies der Ort war, wo ich 1986 den Meister hatte aufspielen sehen.
In der Pause nahm ich einen Augenschein. Das Wankdorf, das ich als Bub für das grösste, schönste und einzige Stadion gehalten hatte, erschreckte mich mit seinem Zustand. Das Merchandising fand auf einem etwa zwei Quadratmeter grossen Tisch statt. Die wenigen Fanartikel waren verstreut. Als Preisschilder dienten Fetzen, die jemand aus einer Kartonschachtel herausgerissen haben musste. Die Inspektion des Pissoirs war ein Fehler, denn sie verunmöglichte mir den gewohnten Bratwurstgenuss.
Die Schiedsrichterin hiess Mouidi-Petignat und verweigerte YB in der zweiten Halbzeit einen für mich unstrittigen Penalty. Die Spieler lehnten sich für ein paar Minuten gegen das Unrecht auf. Doch Schütze des zweiten und letzten Tores war abermals Ebe.
Meine Theorie des Tiefpunkts lässt sich erhärten. YB gewann in Wil das letzte Spiel 1999 4:0, wurde Erster der Abstiegsrunde (Absteiger: Carouge) und stieg 2001 auf. Und ist seither oben. Heute wohl ganz oben.
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