Die Gänsehaut-Arena
Danke, FC Bayern, danke, TSV 1860 für dieses Traum-Stadion!
Als Reporter reise ich mit dem FC Bayern und der Nationalmannschaft durch die Gegend. Hamburg, Schalke, Mailand, Lissabon – ich saß schon in den atemberaubendsten Arenen Europas. Doch, liebe tz-Leser, seit gestern Abend hat der Fußball einen neuen Tempel: die Allianz Arena. Dieses Stadion schlägt alles!
Ich verlasse mein Auto im größten Parkhaus Europas und komme auf die Esplanade. Der über 500 Meter lange Weg, der bergauf zum Stadion führt. Mich befällt ein Kribbeln, je weiter mich diese Welle nach oben trägt. Jeder Schritt bringt mich meinem Ziel, diesem weißen Traum, näher. Diese jahrelange Vorfreude – und plötzlich ist es soweit. Die grüne Lampe leuchtet am Kartenlesegerät. Ich gehe durch das Drehkreuz. Drin!
So hatte ich es mir gewünscht. Sehen Sie es mir nach, aber spontan fällt mir nur ein Ausdruck dazu ein: Es ist einfach geil! Ich sitze in der obersten Reihe des Unterrangs. Reihe 25, genau oberhalb der Mittellinie. Von den beiden Trainerbänken trennen mich höchstens 15 Meter. Ich höre alles auf dem Platz: jede Anweisung, jeden Wutausbruch. Ich kann mir vorstellen, wie hier Felix Magath und Jürgen Klinsmann ihre Männer heiß machen werden für die Champions League und den WM-Titel. Ach, wie säße ich jetzt nur im Olympiastadion. So weit entfernt, dass eigentlich ein Fernglas nötig gewesen wäre, dazu kaum Stimmung auf den Rängen.
Vorbei, abgehakt! 32 000 dürfen bei diesem Test zum ersten Mal in die Allianz Arena. Nicht einmal zur Hälfte sind die drei in der Abendsonne silber glitzernden Ränge gefüllt. Und doch ist richtig Leben drin. Wie soll das erst in zehn Tagen werden, wenn hier zum ersten Mal 66 000 Radau machen? Einfach unglaublich! Das Spiel verkommt da zur absoluten Nebensache und ist schnell erzählt. Peter Pacult, Ex-Torjäger und Ex-Trainer der Löwen, gelingt in der achten Minute der historische erste Treffer in der Allianz Arena, vor der Halbzeit erhöht Martin Max per Hacke auf 2:0. „Die ehemaligen Löwen sind besser als die aktuelle Mannschaft“, scherzt Karl-Heinz Rummenigge zur Pause.
Dann blickt er durch die Arena und beginnt zu schwärmen. „Wir haben hier das schönste Stadion der Welt hergestellt. Es ist ein Traum.“ Es geht also nicht nur mir und meinen Radio-Kollegen vor mir so, die sich während ihrer Live-Moderationen gegenseitig fotografieren – auch der Bayern-Boss ist überwältigt. Jeder ist glücklich, dabeisein zu dürfen. Ich nutze die Halbzeit und wechsle meinen Platz. Die Architekten hatten einen herrlichen Blick von jedem Sitz im Stadion aus versprochen. Das muss ich

en. Die Treppen führen mich knapp 50 Meter in die Höhe, ich muss in die letzte Reihe unters Dach. Wie sieht man von hier oben? Nur noch kleine Punkte auf dem Platz wie im Olympiastadion?
Nein, es ist überragend! Der Winkel ist so steil, dass jede Reihe ihren eigenen Wellenbrecher braucht. Ich stehe fast senkrecht über dem Tor in der Nordkurve. Dort, wo die Löwenfans ihre Mannschaft anfeuern. Ein gigantischer Blick in Tiefe, für den man aber unbedingt schwindelfrei sein muss…
Die spielerischen Höhepunkte in der zweiten Hälfte: Bernhard Winkler erhöht für Blau auf 3:0, eine Minute später schafft Wiggerl Kögl den Anschluss für die Bayern. Dann erlebt die Arena ihren ersten großen Helden: Peter Sirch. Der Löwen-Torwarttrainer hält den ersten Elfmeter in der Arena – von Weltmeister Lothar Matthäus! Das Spiel endet 3:2 für die Löwen, Karl-Heinz Rummenigges Treffer war für die Roten zu wenig. Ich verlasse die Arena, aufgewühlt wie ein kleines Kind nach der Bescherung. Dabei sehe ich erst jetzt, was die Arena wirklich einzigartig macht: Mit rot-weiß-blauem Leuchten entlässt sie mich in die Nacht. Danke, Bayern, danke, Löwen: Dieses Stadion ist einmalig!
TZ, 20.5.05