«Der FC Thun und YB besetzen nicht die gleiche Nische»Roman Grünig, Leiter Marketing und Betrieb beim FC Thun, und Alain Kappeler, operativer Leiter bei YB, sprechen über die Suche nach Hauptsponsoren und Rivalität, Kunstrasen und Finanzprobleme.
Roman Grünig, was macht der FC Thun besser als YB?
Roman Grünig: (lacht) Man kann das nur schwer vergleichen, weil YB ein grösserer Klub ist. Der FC Thun wurde zuletzt dreimal Fünfter, das ist erfreulich. Aber wir müssen hart arbeiten, damit wir uns zwischen Rang 3 und 8 in der Super League einordnen können. Und wir müssen jeden Franken zweimal umdrehen, weil wir leider keinen Mäzen wie YB haben. Das schärft die Sinne.
Alain Kappeler, sehnen Sie sich nicht manchmal nach dem eher beschaulichen FC Thun zurück?
Alain Kappeler: Nein. Ich hatte als Geschäftsführer eine gute Zeit in Thun, aber den Wechsel zu YB habe ich nie bereut. Natürlich war dieses erste Jahr in Bern unruhig, die Stimmung war schlecht, es gab sportliche und wirtschaftliche Probleme. Aber wir sind überzeugt, jetzt auf dem richtigen Weg zu sein. Und nach dem gelungenen Saisonstart fällt das Arbeiten allen leichter.
Im Geschäftsjahr 2012 machte YB 15 Millionen Franken Minus, auch 2013 droht ein Millionenverlust. Kann der Betrieb überhaupt rentabel geführt werden?
Kappeler: Es ist möglich, eine ausgeglichene Rechnung zu präsentieren, einerseits über Zuschauer- und Sponsoringeinnahmen, andererseits über Spielerverkäufe. Es ist unser Ziel, bald wieder schwarze Zahlen zu schreiben.
Grünig: Auch wir in Thun müssen hart kämpfen. Und jetzt sind wir noch mehr gefordert, weil wir uns am 1.Juli vom Stadion gelöst haben und selbstständig sind.
Man hört oft von fehlender Harmonie zwischen Stadionbetreibern und Klub in Thun...
Grünig: ...es gibt ab und zu unterschiedliche Meinungen, das ist normal. Jeder verfolgt seine Interessen. Und wenn wir wegen Lärmbestimmungen nur 6000 statt 10'000 Zuschauer ins Stadion lassen dürfen, dann bezahlen wir nicht die gesamte Stadionmiete. Letztlich sitzen wir aber im gleichen Boot. Das Stadion benötigt den FC Thun, und wir benötigen das Stadion.
Bei YB wirken die Strukturen unübersichtlich...
Kappeler: ...das finde ich nicht, die Konstellation mit den Investoren, denen der Klub und auch das Stadion gehört, ist in Europa nahezu einmalig...
...aber es fehlt ein CEO, der dem Betrieb wie früher Stefan Niedermaier ein Gesicht gibt...
Kappeler: ...das ist bewusst so gewählt, man will die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Hanspeter Kienberger ist als Delegierter das Bindeglied zum Verwaltungsrat, Fredy Bickel führt YB sportlich, und ich bin operativer Leiter im Betrieb.
Und warum wird jetzt noch ein Leiter Verkauf und Marketing eingestellt? Das ist doch genau Ihre Hauptaufgabe.
Kappeler: Ich bin in letzter Konsequenz verantwortlich für die Bereiche Betrieb und Sicherheit, Marketing und Verkauf sowie Events und Gastro. Mit dem neuen Bereichsleiter Verkauf und Marketing wollen wir unsere Vermarktung weiter ausbauen.
Einen neuen Hauptsponsor aber suchen Sie noch immer, obwohl Sie bereits im letzten Herbst erfuhren, dass Bauhaus den Vertrag nicht verlängern wird.
Kappeler: Es ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, einen neuen Hauptsponsor zu finden. Doch diese Suche ist schwierig. Als wir im letzten Herbst wussten, dass wir ab Sommer 2013 einen Hauptsponsor brauchen, waren bei vielen grossen Firmen die Werbebudgets schon ausgeschöpft. Wir haben mit rund 100 Unternehmen gesprochen.
Gab es keine Möglichkeiten?
Kappeler: Wir hätten uns billiger verkaufen können. Aber das wollten wir nicht, denn die Marke YB ist stark. Zudem gibt es ethische Grundsätze, dubiose Diamantenhändler möchten wir nicht auf unseren Trikots. Mit dem neuen Charity-Partner Laureus auf der Brust haben wir eine ideale temporäre Lösung gefunden.
Grünig: Es ist wichtig, dass man konsequent bleibt, auch wenn es weh tut, weil man auf Geld verzichtet. Man darf sich nicht schlechter machen, als man ist. Wir haben beim FC Thun mit Skywork den Co-Hauptsponsor verloren und sind auf der Suche nach einer neuen Lösung. Zum Glück haben wir mit der Migros als wichtigsten Sponsor einen starken, wertvollen Partner. Der FC Thun ist in anderen Preiskategorien unterwegs als YB. Wir möchten mit beiden Platinpartnern, also der Migros und dem Nachfolger von Skywork, eine Million Franken jährlich einnehmen.
YB möchte alleine vom Bauhaus-Nachfolger 1,2 Millionen Franken pro Saison.
Kappeler: Ungefähr in dieser Kategorie sind unsere Vorstellungen. In den Medien hiess es ja, wir hätten 600'000 Franken im Jahr von Bauhaus erhalten, anderswo stand geschrieben, es seien 1,2 Millionen gewesen.
Und was ist die Wahrheit?
Kappeler: Ich kann die Zahlen nicht kommentieren, weil sie vertraulich sind. Und sie sind abhängig von Erfolgsprämien.
Früher überwies die Migros in vier Jahren fast acht Millionen Franken an die Young Boys...
Kappeler: ...zum Betrag kann ich mich nicht äussern. Man darf nicht vergessen, dass die Migros auf der Brust und auf dem Rücken präsent war. Da haben wir mit Weiss+Appetito einen starken Partner. Und wir hoffen, auf Anfang 2014 einen Hauptsponsor zu finden. Wir haben jetzt auch ein Strategiepapier entwickelt.
Fehlte das vorher in der unseligen «Phase 3» bei YB?
Kappeler: Ja, Verwaltungsrat und Geschäftsleitung haben ein Dokument erarbeitet, das die Positionierung der Marken YB und Stade de Suisse vorsieht. Es ist uns wichtig, alle Mitarbeitenden einzubinden. Wir sind ein offener Betrieb und möchten bodenständig und bernisch sein.
Wen muss Sportchef Bickel um finanzielle Erlaubnis fragen, wenn er einen Abwehrchef wie Steve von Bergen verpflichten will?
Kappeler: Wir haben einen Sportausschuss, dem gehören die sportliche Führung sowie Hans-peter Kienberger und YB-Präsident Werner Müller an. Bei ausserordentlichen Ausgaben erfolgt der Entscheid jeweils nach Absprache mit den Investoren.
Roman Grünig, Sie arbeiteten bei YB früher im Verkauf/Sponsoring. Profitiert der FC Thun bei der Sponsorensuche oder beim Zuschauerinteresse eigentlich davon, wenn es den Young Boys schlechter geht?
Grünig: Vielleicht ist das so, ja. Auch bei uns wird guter Sport geboten. Wir hörten letzte Saison von VIP-Kunden, sie würden jetzt zum FC Thun kommen, weil sie genug von YB hätten.
Kappeler: Das war eine Momentaufnahme (lacht). Und nur schon aus geografischer Sicht ist der Vergleich mit dem SCB für YB noch direkter. Uns trennt nur die Papiermühlestrasse.
Der FC Thun ist seit dem 1.Juli nicht mehr der Arena Thun angegliedert und für sich selber verantwortlich. War das wirklich ein kluger Entscheid?
Grünig: Ich finde, die Vorteile einer Eigenständigkeit überwiegen, wir können jetzt autonom entscheiden. Und unsere Kunden und Sponsoren wissen, dass jeder Rappen in den FC fliesst.
Was passiert, wenn dem FC Thun Ende Saison eine Million Franken fehlt, was nicht unrealistisch ist?
Grünig: Wir sind bestrebt, neue Einnahmequellen zu erschliessen. Vielleicht gibt es zusätzliche Gelder aus dem Europacup. Und wir sind manchmal darauf angewiesen, einen Spieler zu verkaufen. Wie zuletzt Renato Steffen an YB. Zudem läuft bei uns seit einer Woche das Foundraising-Projekt
www.oberlandunited.ch. Wir möchten den Klub in der Region noch stärker verankern.
Wie meinen Sie das konkret?
Grünig: Das Oberland soll hinter dem FC Thun stehen. Es ist eine wunderbare Gegend, die Leute können in den Bergen oder am See viele schöne Dinge unternehmen. Wir müssen sie überzeugen, unsere Spiele zu besuchen. Und wie so viele andere Vereine sind wir gar nicht zufrieden mit den Anspielzeiten. Samstagabend um 19.45 Uhr ist wie Sonntag um 13.45 Uhr nicht ideal.
Warum nicht?
Grünig: Am Samstagabend um diese Zeit ist das Angebot riesig, am Sonntag ist für Familien fast keine andere Aktivität mehr möglich, weil der Termin mitten im Tag liegt. Das spüren auch wir.
Aber wenn die Million Ende Saison fehlt, würden die Stadionbetreiber oder die Migros den FC Thun ja kaum fallen lassen...
Grünig: so zu denken, wäre sehr gefährlich. Wir werden hoffentlich nie in diese Lage kommen.
Hat es im Kanton Bern auf 30 Kilometern überhaupt Platz für zwei Super-League-Teams?
Kappeler: Auf jeden Fall. Der FC Thun und YB besetzen nicht die gleiche Nische. Ich bin sicher, dass wir uns gut ergänzen.
Grünig: Ich bin überzeugt, dass wir in die Super League gehören. Uns fehlt einfach eine Generation Fans, weil der FC Thun so lange in der 1. Liga spielte. Und YB ist sehr bekannt und auch im Oberland enorm populär.
Und wieso spielt der FC Thun eigentlich auf Kunstrasen?
Grünig: Es vereinfacht vieles. Die 1. Mannschaft ist sehr zufrieden, immer im Stadion trainieren zu können. Und auch die ältesten Nachwuchsteams dürfen in der Arena sein. Ausserdem sind andere Events, für die der Stadionbetrieb zuständig ist, problemlos möglich. Bei einem Naturrasen ist vieles komplizierter.
So gesehen müsste YB wegen der äusserst schwierigen Verhältnisse bezüglich Trainingsplätzen in Bern doch sofort wieder einen Kunstrasen im Stade de Suisse installieren.
Kappeler: Ja, das wäre perfekt, wenn es nur darum gehen würde. Wir haben aber gerade vor zwei Wochen einen neuen Naturrasen ausgelegt, er soll jetzt die ganze Saison halten. Und wir bestreiten ja weniger Partien als letztes Jahr, weil wir leider nicht im Europacup dabei sind. Natürlich gibt es in Bern zu wenig Fussballplätze, das ist seit Jahren ein grosses Thema. Auch daran arbeiten wir intensiv.
Und warum genau ist in Bern wieder ein Naturrasen?
Kappeler: Dank des Naturrasens können wir zum Beispiel wieder den Cupfinal und Länderspiele austragen. Argentinien spielte letztes Jahr hier, die Schweiz trat in der WM-Qualifikation gegen Norwegen im Stade de Suisse an und wird die zwei entscheidenden Begegnungen im Herbst gegen Island und Slowenien in Bern austragen. Zudem sind auch so noch erstklassige Konzerte wie in diesem Sommer möglich. Es werden auch in Zukunft tolle Künstler im Stade de Suisse auftreten.
Und wo stehen Sie und Ihr Klub in drei Jahren? Sind Sie dann beide CEO in Ihren Vereinen?
Kappeler: Ich hoffe, in drei Jahren noch bei YB arbeiten zu dürfen. Und ich möchte, wie alle im Betrieb und unter den Fans, bis 2016 einen Titel gefeiert haben. Roman Grünig wird jetzt sicher sagen, er möchte in drei Jahren zurück bei YB sein...
Grünig: (lacht) mich würde es natürlich auch freuen, in drei Jahren noch bei meinem Verein zu sein. Dem FC Thun stehen spannende Jahre und interessante Herausforderungen bevor. Die Zusammenarbeit mit Sportchef Andres Gerber wie auch mit den anderen Leuten im Verein ist sehr familiär und macht Spass. Ich würde YB einen Meistertitel auch gönnen, das wäre gut für die ganze Region. Uns können sie ja einen Cupsieg überlassen. Und ich hoffe, wir können die Young Boys weiter fleissig in den Derbys ärgern. Zum Beispiel am nächsten Sonntag im Stade de Suisse.
Zu den PersonenZwei, die sich gut kennen – und sehr schätzenRoman Grünig hat am Treffpunkt des Gesprächs im Restaurant Schwellenmätteli eine Anzeigetafel dabei, welche an Fussballspielen die Rückennummern der an Ein- und Auswechslung beteiligten Akteure anzeigt – und die Nachspielminuten. Der FC Thun lieh von den Young Boys letzte Woche diese Tafel aus, weil an Europacup-Partien zwei Geräte Vorschrift des Europäischen Fussballverbandes sind.
Und der FC Thun empfing am letzten Donnerstag den georgischen Klub Tschichura Satschchere (2:0) im Hinspiel der 2.Qualifikationsrunde zur Europa League. Morgen treten die Thuner in Tiflis zum Rückspiel an. Roman Grünig ist nicht dabei, es gibt in der Schweiz viel zu tun.
Alain Kappeler nimmt die Tafel in Empfang. Und kurzerhand sind die beiden bereit, für ein Bild mit ihr vor der Aare und dem Berner Münster zu posieren. Kappeler, operativer Leiter bei YB, und Grünig, Leiter Marketing und Betrieb beim FC Thun, kennen sich gut – und schätzen sich sehr.
Kappeler arbeitete einst als Geschäftsführer in der Arena Thun und holte Grünig, der damals bei YB im Verkauf/Sponsoring tätig war, ins Oberland. Beide kennen also die zwei Berner Super-League-Mannschaften bestens.
Der Seeländer Alain Kappeler ist 43 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder (3 und 8 Jahre alt). Der Eidg. dipl. Marketingleiter wohnt in Hindelbank und ist seit einem Jahr bei YB. Vorher war er CEO der Arena Thun AG/FC Thun AG (Juli 2010 bis Juli 2012), sechs Jahre Head of Marketing bei Swiss Ice Hockey, ein Jahr Leiter Marketing beim HC Davos und dem Spengler Cup sowie drei Jahre Sponsoringleiter/Projektleiter Eishockey bei Postfinance.
Roman Grünig wohnt in Belp, arbeitete früher zehn Jahre im Finanzwesen bei Banken und Versicherungen. 2007 holte ihn der damalige Stadion-CEO Stefan Niedermaier ins Stade de Suisse, wo Grünig vier Jahre blieb, ehe er eben von Kappeler nach Thun geholt wurde. Seit dem 1. Juli ist der 36-jährige Berner nun Geschäftsleiter Marketing und Betrieb bei der FC Thun AG.