ebund.ch, 27.09.2008
Zwischen Arroganz und SelbstvertrauenDavid Degen hat sein Potenzial bisher nicht ausgeschöpft. Der selbstbewusste und polarisierende Basler muss seine Karriere in Bern neu lancieren. Heute tritt er mit den Young Boys bei seinem langjährigen Verein FC Basel an.
Hakan Yakin, einst beim FC Basel und im Nationalteam Mitspieler der Degens, sagt: «David und Philipp Degen sind zusammen mit Davide Chiumiento die technisch besten Schweizer Fussballer.» Neben ihm, vermutlich, aber das hat Yakin nicht gesagt.
Marcel Rohr, Sportchef der «Basler Zeitung» und ehemaliger «Blick»-Fussballchef, sagt: «David Degen ist wie sein Bruder Philipp ein sehr liebenswürdiger Mensch. David wirkt teilweise überheblich und arrogant, aber das macht er nicht bewusst. David hat ein grosses Potenzial, das er bisher nicht ausgeschöpft hat. Und: Er ist zu ungeduldig.»
Adrian Werren, Vorstandsmitglied von «gäubschwarzsüchtig», dem Dachverband der YB-Fanklubs, sagt: «Viele YB-Fans nervt das ständige Grinsen von David Degen. Und er hat uns mit seiner theatralischen Art beim FCB oft aufgeregt.»
Die ReizfigurDie Degens kennen die Vorurteile und Urteile: Die Zwillinge sind auf und neben dem Feld laut und auffällig, sie reklamieren und provozieren, polarisieren und irritieren, sie sind nicht nur wegen ihrer seltenen Begabung Ausnahmeerscheinungen im Schweizer Fussball. Beobachter, Fans und Gegenspieler (und manchmal Mitspieler) fühlen sich von ihnen und ihrem Auftreten teilweise gereizt. Und als ihr Lehrmeister, Basel-Erfolgstrainer Christian Gross, im Dezember 2005 in einem Interview erklärte, in der Erziehung der Degens sei etwas schiefgelaufen, passte das ins vorgefertigte Bild.
Die Degens sind: anders. Sie sind anständige junge Männer, mittlerweile 25 Jahre alt, immer noch unbeschwert und voller Flausen, trotz aller sportlichen und körperlichen Rückschläge. Sie sind unverkrampft, authentisch, offen. Was sie nicht sind: brav, bieder, langweilig.
Der FamilienmenschWenn man von David Degen spricht und schreibt, spricht und schreibt man auch von Philipp Degen (und umgekehrt). Es gibt die Zwillinge mit der eigenen Website (degendegen.com) beinahe nur im Duopack. «Wir telefonieren 10 bis 15 Mal im Tag zusammen», sagt David Degen und findet das völlig normal. Er würde es begrüssen, gäbe es eine Erfindung, die eine Standleitung erlauben würde. Degen nennt «mein grosses Selbstvertrauen» als Hauptgrund für sein zweifelhaftes Image. «Ich bin ehrlich, direkt und geradlinig», sagt er. «Und das passt nicht allen.» Er habe einen «grausamen Gerechtigkeitssinn», und, ja, er sei ungeduldig, «grausam ungeduldig», um es in seinen Worten zu sagen. Aber: «Wer uns kennt, der weiss, dass wir nicht arrogant sind.»
Wenn man Degen erlebt und ihn sprechen hört, ist man erstaunt über Selbstvertrauen und Selbstverständnis des erfrischend parlierenden Wirbelwinds. Man könnte dann vermuten, man sitze einem Spieler – mindestens – von Real Madrid gegenüber. Unglücklicherweise hatte die Karriere anderes mit ihm vor: Nach dem Steilflug über Aarau und Basel in die Bundesliga zu Gladbach ist er in Bern gelandet. «Das ist für mich eine Chance», sagt er.
Das AusnahmetalentDegen sieht grundsätzlich vieles positiv. Er sagt über sein YB-Engagement: «Ich will mithelfen, jeden Match zu gewinnen.» Die Worte klingen jetzt geschliffener und angepasster als auch schon, vielleicht hat David Degen eine PR-Schnellbleiche mitgemacht – aber natürlich ist er noch immer angenehm draufgängerisch.
Er besitzt ja auch alle Qualitäten, um ein Grosser zu werden. Degen ist beweglich, eifrig und schnell, wahrscheinlich der schnellste Schweizer, er ist kampf- und laufstark, flink im Dribbling und listig im Abschluss, er flankt präzise und gefährlich, schiesst hart und platziert, aber er hat es bisher eher nicht geschafft, diese Vorzüge in ein Gesamtwerk zu verpacken und konstant abzurufen. «Wenn ich Spielpraxis habe, will ich dahin, wo ich war», sagt Degen. Das heisst: ins Nationalteam.
Vorerst reist der Offensivspieler heute mit YB nach Basel. Der Vizemeister spielt beim Meister, und doch ist die sportliche Brisanz begrenzt: YB hat nach neun Runden 13 Punkte Rückstand auf den FCB. «Das ist kein besonderes Spiel», behauptet Degen. «Sicher werden die Emotionen stärker sein, da ich erstmals im St.-Jakob-Park gegen Basel spielen werde. Doch es geht darum, drei Punkte zu holen.»
Der BegeisterungsfähigeBei seinem ersten Einsatz für YB war Degen von den eigenen Fans ausgepfiffen worden. «Ich werde die Anhänger mit Leistung überzeugen», sagt er. Noch pendelt er von Basel nach Bern, manchmal übernachtet er im Hotel Bern, eine geeignete Wohnung in der Hauptstadt sucht er. Noch fast drei Jahre, bis Juni 2011, läuft sein Vertrag. Sieht er sein Wirken bei YB nicht als Zwischenstation auf dem Weg zu einem seiner Klasse angemessenen Verein? Er habe mit YB viel vor, antwortet Degen, und die Begeisterung in seiner Stimme wirkt ansteckend. «Mit dem FCB bin ich dreimal Meister geworden und einmal Cupsieger, das ist mit YB auch möglich.» Seinen Optimismus garniert er mit einer interessanten Rechnung: «Der FCB musste 22 Jahre warten, bis er 2002 Meister wurde. YB wartet auch 22 Jahre.» In absehbarer Zeit sei der Titel möglich, nein, kurzfristig, nein, so schnell wie möglich. Es ist wieder so ein rasanter, offenherziger Satz, schnell dahingesagt, ehrlich und gefährlich.
Nach seinem Wechsel von Basel zu Gladbach gab Degen vor zwei Jahren zu verstehen, sein Transfers ins Ausland komme keinen Tag zu spät. Nachdem er sich in der Bundesliga nicht durchgesetzt hatte, liessen seine Worte vermuten, die Rückkehr zu Basel sei eine Strafe für ihn. «Auch deshalb war David in Basel nie ein Publikumsliebling wie Marco Streller oder Franco Costanzo», sagt Marcel Rohr, der Basler Journalist. Hakan Yakin, der Fussballer, sagt: «Ich traue Degen zu, bei YB eine dominierende Rolle zu spielen und viele Tore vorzubereiten.» Und Adrian Werren, der YB-Fan, sagt: «Wenn Degen Tore schiesst und vor allem mit Einsatz überzeugt, kann er auch die Anhänger für sich gewinnen.» David Degen selber meint dazu: «Es kann schnell gehen im Fussball.» Nach fast fünfmonatiger Verletzungspause wegen Adduktorenproblemen sei sein Start bei YB nicht optimal gewesen. Aber er sei fit und zweifle nicht an seinem Können. Geht es nach ihm, folgt sein 10. Länderspiel noch im Jahr 2008. Fabian Ruch
http://194.209.226.170/pdfdata/bund/2008/09/27/SPBU-026-2709-2.pdf