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Bund, 26.05.2006
Legenden in ihrem Museum
Als erster Schweizer Fussballklub verfügt der BSC Young Boys über ein Museum – am Mittwoch war im Stade de Suisse Einweihung
Exakt 20 Jahre nachdem sich YB den letzten Meistertitel sicherte, versammelte sich die damalige Mannschaft im Wankdorf zur Museumseröffnung. Ebenfalls da: einige der Helden der 50er-Jahre. Unter anderen Charles Casali – mitsamt seinen Fussballschuhen.
«Da war ich noch jung», sagt Lars Lunde. Auf einem Bildschirm flimmert das Video vom entscheidenden Match gegen Xamax Neuenburg; gerade schiesst Lunde die Berner mit zwei zu eins in Führung und tanzt hernach Pirouetten drehend, die Faust schwenkend und Bocksprünge vollführend zu den Fans. Beim Zuschauen lacht Lunde, «schöne Erinnerungen» seien das. Fürwahr, denn mit dem Match sicherte sich YB letztmals den Schweizer Meistertitel: Es war der 24. Mai 1986, YB siegte vier zu eins.
Genau 20 Jahre später, vorgestern Mittwoch, versammelt sich die Meistermannschaft fast vollzählig wieder im Wankdorf. «Bärner Giele» sind da, René Sutter etwa, Martin Weber selbstverständlich. Aber auch von weit her sind sie gekommen – Jean-Marie Conz flog direkt aus Riad an; er trainiert dort die U-17-Nationalmannschaft von Saudi-Arabien. Robert Prytz, der Mittelfeldregisseur, ist aus Glasgow hergereist: «Es ist grossartig, all die alten Gesichter zu sehen», sagt er gut gelaunt, der entscheidende Sieg vor 20 Jahren in Neuenburg sei «der grösste Tag in meinem Leben» gewesen.
Der hundertjährige Pokal
Anlass für die illustre Versammlung ist allerdings nicht allein das Meisterschaftsjubiläum: Seit Mittwoch verfügt der BSC Young Boys «als erster Schweizer Klub über ein Museum zu seiner Klubgeschichte», wie die Stade de Suisse AG verkündete – in einem Raum unter der Osttribüne des Stadions. Hier werden in Vitrinen und Schaukästen die Höhepunkte der 108-jährigen YB-Geschichte gezeigt: Eine glanzvolle Pokalsammlung leuchtet den Besucherinnen und Besuchern des Museums entgegen – darunter die Trophäe, welche YB mit der ersten Titelserie zwischen 1909 und 1911 für immer ins eigene Stadion brachte. Daneben zeigen vier Bildschirme Filmdokumente aus der YB- und der Wankdorfgeschichte: Das erwähnte Meisterschaftsfinale von 1986, der Cupsieg im Jahr darauf, Länderspiele und die WM 1954 sind wahlweise zu sehen. Die Film- und Fernsehbeiträge können zudem im Museumskino bewundert werden. Dass er zum Museumsobjekt geworden ist, bringt Jean-Marie Conz indes nicht aus der Ruhe: «Es ist eine Geschichte, die ausgestellt wird», meint der Abwehrstratege, «davon sind wir nur ein kleiner Teil.»
Tatsächlich steht «die reiche Geschichte des BSC YB und des Wankdorfstadions» im Zentrum, wie Orlando Mordasini sagt. Er ist Präsident des Vereins Fussballstadion Wankdorf, der lange Zeit als einzigen Zweck hatte, YB ein Stadion zur Verfügung zu stellen. Doch seit das Stade de Suisse letzten August in den Besitz der gleichnamigen AG übergegangen ist, war der Verein gewissermassen zwecklos. Man hat sich dann für die Schaffung des Museums stark gemacht, das zusammen mit den Stadionbetreibern sowie Sponsoren aus der Wirtschaft unter Federführung von YB-Experte und «Bund»-Redaktor Charles Beuret realisiert werden konnte (siehe Kasten). «Die Becher würden sonst nur irgendwo herumliegen», sagt Mordasini – eine ihm unerträgliche Vorstellung: «Was wir hier im Stadion alles erlebt haben, die Meisterschaften, die Länderspiele, all die Cupfinals – das darf nicht vergessen gehen.»
Casalis Uruguay-Penalty-Schuhe
Wie lebendig die YB-Geschichte tatsächlich ist, zeigt bei der Museumseinweihung nicht bloss das Meisterteam von 1986. Auch aus den legendären 50er-Jahren sind Vertreter da. Zum Beispiel Charles Casali, der 1954 im Wankdorf für die Schweiz an der WM spielte. Die Schuhe, die er damals trug, sind jetzt im Museum ausgestellt. Mindestens ein Tor hat er damit erzielt, «einen Penalty gegen Uruguay». Casali weiss auch noch, wie er die Schuhe für das Spiel präpariert hat: In warmes Wasser habe er sie eingelegt, mit Zeitungen getrocknet, «aber nicht ganz»; und dann wurden sie gewichst, «nid mit Chareschmieri». So sei das Leder «ganz geschmeidig» geworden.
Auch Torhüterlegende Walter Eich ist gekommen. Er betrachtet den Meisterschaftspokal, den YB nach seiner Titelserie zwischen 1957 und 1960 behalten durfte. «Viermal habe ich den in die Luft stemmen und einen Schluck daraus trinken dürfen», sagt er und seine Augen glänzen, «das ist nicht selbstverständlich.» Dann schreitet er zur Wimpelsammlung: «Das ist der Wimpel des Halbfinals gegen Stade Reims 1959.» Es war der Halbfinal im Meistercup – heute wäre das die Champions League – YBs Spiel der Spiele. Und hätten Basel und der Verband nicht auf dem Meisterschaftsspiel kurz vor dem Auswärtsmatch in Frankreich beharrt, hätte sich YB besser vorbereiten, sich vielleicht fürs Endspiel qualifizieren können, glaubt Eich. «Die Mannschaft von damals hätte im Final gegen Real Madrid einen guten Eindruck gemacht.»
[i] YB-Museum, offen ab Juni, ist Teil der Stadionführung (Mo–Fr 11 Uhr); Sa geöffnet von 13–16 Uhr. Eintritt: Fr. 5.–/Erwachsene, Fr. 2.–/Kind.
EXTRA
«Da ist Herzblut dabei»
In der Redaktion hörte man ihn mitunter mit den Verantwortlichen von YB telefonieren; als der «Bund» noch eine eigene Sportredaktion hatte, dienten die Gespräche wohl meist der Recherche. Hin und wieder aber, so wird kolportiert, habe Charles Beuret auch etwas Einfluss auf die Geschicke des Berner Fussballklubs genommen. Immerhin begleitete er als Sportjournalist den Verein knapp 40 Jahre: Angefangen habe es 1967 mit einem Bericht über ein Freundschaftsspiel gegen Solothurn, erinnert er sich.
Was seinen Einfluss betrifft, wiegelt er zuerst ab – sagt dann doch, dass ihn der aktuelle Trainer, Gernot Rohr, neulich «schon gefragt hat, ob er in Bern bleiben soll». Rohr blieb – wie viel der Rat Beurets dazu beitrug, muss indes offen bleiben. Sicher ist aber, dass in Bern wohl kaum jemand die Geschichte des BSC Young Boys so gut kennt wie Beuret. Drei Bücher hat er schon über den Verein und das Stadion Wankdorf geschrieben – seit neustem ist er nun, nebst seiner Funktion als Chef vom Dienst am «Bund», auch Kurator des YB-Museums. Dank seinen zahlreichen Beziehungen und mit der Unterstützung weiterer YB-Kenner hat er die überall verstreuten Pokale zusammengetragen, Filmdokumente gesammelt und Wimpel sortiert, die nun im Museum zu bewundern sind. Zu fast jedem Exponat weiss er eine Geschichte, kennt er die Vor- und Nachgeschichte entscheidender Spiele. Beuret sei «ein Glücksfall» für den Verein Stadion Wankdorf, sagt dessen Präsident Orlando Mordasini, «er ist einer der Letzten, die den Überblick über die gesamte YB-Geschichte haben – er weiss alles». Ohne Beuret wäre das Museum, das auf eine Initiative des Vereins zustande kam, wohl nicht realisiert worden. «Charly», so sagt Peter Mast, sei «nicht der emotionale, sondern der sachliche Berichterstatter» gewesen. Der vormalige YB-Präsident und einstige Spieler war einer der Gesprächspartner am Telefon. Beuret habe jeweils «seine Meinung» gesagt, in seinen Berichten habe er aber stets «selbst in den schlimmsten YB-Krisen noch etwas Positives gefunden». Bei Beuret, so Mast, habe man gemerkt: «Da ist Herzblut dabei.» (sbü)
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