BZ, 05.10.2007
Unbedarft auf der Überholspur
Fussball: Davide chiumiento
Davide Chiumiento überzeugt seit Wochen beim FC Luzern. Morgen kehrt der ehemalige YB-Spieler mit dem FCL ins Wankdorf zurück. Der 22-jährige Offensivkünstler hat die unbefriedigende Zeit in Bern nicht restlos verdaut.
Wann immer man in dieser Saison im Stadion (oder am TV) Auftritte des FC Luzern sieht, Davide Chiumiento fällt sofort auf. Seine Technik, seine Übersicht, seine Dribblings, seine überraschenden Einfälle heben den 22-Jährigen erkennbar aus dem oft tristen Mittelmass in der Super League ab. Chiumiento erhält beim FCL viele Freiheiten, er ist in der Offensive der Impulsgeber. Luzern-Trainer Ciriaco Sforza sagt: «Er hat Fähigkeiten wie kaum ein zweiter Spieler in der Schweiz.» Der Gepriesene, in der Vergangenheit an den (zu) hohen Ansprüchen gescheitert, sei in den letzten Monaten gereift, erklären FCL-Beobachter. «Ja, der Wechsel zu Luzern hat mir gut getan», sagt Chiumiento. «Hier spüre ich das volle Vertrauen.»
Brisante Aussagen
Im Sommer verliess Davide Chiumiento die Young Boys, es war für beide Seiten eine missglückte, unbefriedigende Zusammenarbeit gewesen, der Spieler hatte nie den Draht zu Trainer Martin Andermatt gefunden. «YB ist Vergangenheit», sagt Chiumiento heute. Er freue sich, am Samstag im Wankdorf einige ehemalige Mitspieler zu sehen, in erster Linie natürlich seinen «guten Kollegen» Carlos Varela. Chiumiento klingt zufrieden und glücklich, er wirkt ausgeglichen und freundlich, und er sagt, er spüre erstmals in seiner Karriere, «dass sich die Mühen gelohnt haben, dass ich vielleicht doch auf dem richtigen Weg bin».
In der «Weltwoche» ist jetzt eine Geschichte über Chiumiento erschienen. Und der Autor, Walter De Gregorio, hat auf seinem Weblog (
http://www.weltwoche.ch) auch ein längeres Gespräch mit dem sensiblen Fussballer veröffentlicht. Chiumiento äussert sich in diesem Interview zynisch über Basel-Trainer Christian Gross und Nationalcoach Köbi Kuhn. Vor allem aber ist folgender, brisanter Dialog zu lesen: «Trainer Ciriaco Sforza setzt auf mich, er will, dass ich Verantwortung übernehme, er nimmt mich ernst. – Das tat YB-Trainer Andermatt nicht? – Welcher Trainer? – Andermatt. – Trainer?»
Offenbar hat Davide Chiumiento das wenig erbauliche Engagement in Bern noch nicht restlos verdaut. Gegenüber dieser Zeitung sagt er aber zurückhaltend: «Es ist nicht meine Art, über ehemalige Trainer schlecht zu reden.» Und: «Ich habe bei YB kein Glück gehabt, ich habe Dinge erleben müssen, die für mich schlimm waren, aber ich will niemandem die Schuld geben.»
Traum von der Euro 2008
Vermutlich zeigt diese Episode mit dem «Weltwoche»-Gespräch auf, wie unbedarft (oder naiv) dieser gutmütige Davide Chiumiento immer noch ist. Förderlich sind solche Aussagen gewiss nicht. Auf dem Fussballplatz aber ist Chiumientos Entwicklung bemerkenswert, auf dem Rasen entfaltet der Hochbegabte (mit einigen Jahren Verspätung) seine fantastischen Möglichkeiten. «Ich habe noch nie einen gesehen, der am Ball derart stark ist», hat YB-Spielmacher Hakan Yakin ja einmal über Chiumiento gesagt.
Und plötzlich wird einer, der als Junior bei Juventus einst als «neuer Del Piero» gehandelt worden war, sogar wieder mit dem Schweizer Nationalteam in Verbindung gebracht. «Die Euro 2008 ist ein grosser Traum von mir», sagt Chiumiento. «Aber ich weiss, wie schwierig der Weg dahin wird. Ich hoffe, nein, ich glaube, dass ich irgendwann für die Schweiz spielen werde. Aber zuerst muss ich meine Leistungen über einen gewissen Zeitraum stabilisieren.» Der FC Luzern habe in dieser Saison einige Punkte verschenkt, vorerst gelte es jetzt, diese zurückzuholen. Am liebsten schon morgen in Bern gegen die Young Boys und auf Kunstrasen und damit auf einer Unterlage, wo sich der Künstler Chiumiento, trotz schlechter Erinnerungen an YB, zu Hause fühlt.
Fabian Ruch