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Sport Magazin; 01.11.2006
Geld statt Geist
Viele reden drein, keiner führt. Aber etwas haben die YB-Verantwortlichen doch geschafft: den Kult, der noch vor wenigen Jahren in Bern herrschte, zu zerstören. Statt Geist bestimmt Geld die Young Boys, das Team ist führungslos und entseelt.
Text: Bänz Friedli
Unendlich lange Jahre hatte der BSC Young Boys kein Geld. YB wurde von Bruno Marazzi künstlich am Leben erhalten, weil der bäumige Berner Baumogul ja schlecht ein neues Stadion bauen konnte - und am Ende hätte es keine Mannschaft mehr gegeben, die darin hätte spielen können. YB kämpft sich via Nationalliga B an die Spitze zurück, und auf der flachen kleinen Stehrampe im Neufeldstadion, wohin das Team während des Stadionneubaus wich, rückten Kiffer und Stumpenraucher eng zusammen. «YB macht glücklich!», stand auf Transparenten, ein neuer YB-Geist erfasste 2002 die Stadt, wie Bern ihn seit den späten Fünfzigerjahren nicht mehr erlebt hatte, nicht einmal im Meisterjahr 1986.
Beim Namen beginnt es
Jetzt ist es umgekehrt. Jetzt hat YB Geld, aber keinen Geist mehr. Den trieb Stadionvermarkter Peter Jauch aus, als er an Weihnachten 2002 mit haltlosen Vorwürfen den damaligen Präsidenten Heinz Fischer und Sportchef Fredy Bickel, kurz darauf auch Trainer Marco Schällibaum feuerte. Publikumsliebling Erich Hänzi büsste dafür, dass er dem Zürcher Triumvirat nahe gestanden hatte: Der Captain, von den Fans «Fussballgott» gerufen, wurde trotz laufendem Profivertrag freigestellt. Bis heute kämpft Hänzi vor Gericht um ein ihm zustehendes Jahresgehalt. Unbestritten, dass mit Hänzi im Sommer 2003 YBs guter Geist ging - gegangen wurde.
Nein, es folgt nicht die ewige nostalgiekitschige Früher-war-alles-besser-Litanei. Natürlich hatte das gemütliche Aussenseitertum im schnuckeligen Neufeld keine Zukunft. Der Umzug hätte einen Höhenflug auslösen sollen, schliesslich ist der lichte Neubau das derzeit schönste Stadion im Land. Aber beim Namen beginnt es schon: Mit «Stade de Suisse» wurden die Anhänger des liebgewonnenen Namens Wankdorf beraubt, wo man doch weiss, wie sentimental das Fangemüt ist.
YB zog im Juli 2005 ins neue Stadion ein, aber die Seele wurde nicht mitgezügelt. Schon mit der viel zu teuren, emotionslosen Eröffnungsshow traten die Klubverantwortlichen das Fanempfinden mit Füssen. Und Symbolfigur Stéphane Chapuisat bekam nicht einmal ein Abschiedsspiel. Den Fussballern und ihren Fans gibt die Leitung das Gefühl, sie seien lästige Nebendarsteller. Immerzu schwafeln die Investoren vom gigantischen Ertrag, den das multifunktionelle Stadion abwerfen könne. Weil es ihn aber nicht abwirft, nervöseln sie ins Blaue. Zuerst wurde, auf dass Bon Jovi, Robbie Williams und Herbert Grönemeyer im Stade de Suisse singen konnten, ein bei Zuschauern und Spielern verpönter Kunstrasen verlegt. Nun wird er wieder herausgerissen, weil Köbi Kuhn verfügt hat, seine Nati spiele nicht auf Kunstrasen - das Business mit dem Nationalteam will man sich denn doch nicht entgehen lassen. Wenn nicht Geld, so regiert in Bern zumindest die Gier danach.
Gläubiger statt Gläubige
Und das Chaos. Er habe nie gewusst, klagte Trainer Gernot Rohr nach seinem unfreiwilligen Rücktritt, wer sein Ansprechpartner sei. Das Organigramm der vielen Gremien rund um Stadion und Team ist völlig unübersichtlich. Peter Mast sitzt dem Verein vor, Fritz Bösch der Betriebs AG, Benno E. Oertig der Sport und Event Holding, der Mibet Finanz und der Nationalstadion AG. Viele präsidieren YB, aber niemand repräsentiert es. Mal drängt Geldgeber Oertig in den Vordergrund, mal gebärdet sich Stadion-CEO Stefan Niedermaier als Mister YB, doch eine Identifikationsfigur wie Sven Hotz fehlt den Fans. Viele reden drein, keiner führt. Dieses Vakuum nutzt Peter Jauch, von dem niemand weiss, was er tut, der aber unvermindert YBs mächtigster Mann ist. Zum dritten Mal hat er nun Trainer und Sportchef aus dem Amt gemobbt, doch seine Kritik ist stets nur destruktiv, aufgebaut hat Jauch nichts. Resultat: Mitten in der Meisterschaft stand YB im Oktober führungslos da - ohne Trainer, ohne Sportchef, ohne Geschäftsführer. Das Team ein entseelter Haufen.
Seit letztem Herbst wird mit dem kategorischen Imperativ «Glaube an YB!» geworben. In der entsprechenden Kampagne verhunzt ein Provinzwerber, der einmal im Leben Oliviero Toscani spielen will, religiöse Symbole. Doch das Provokatiönchen verfängt nicht. Kult lässt sich nicht herbeiwerben. Der Fan hat längst durchschaut, dass es der YB-Führung nicht um Glaube, Liebe, Hoffnung geht, sondern um knallharte Kalkulation.
Um Gläubiger gehts, nicht um Gläubige. Die Stadionbesitzer - unter ihnen Phonak-Milliardär Andy Rihs und Peter Jauch - wollen nicht schönen Fussball, sondern schnöden Mammon generieren. Weil sich bei verhaltenem Spiel und tiefem Zuschauerschnitt weder das 365 Millionen Franken teure Stadion rechnet noch die zusammengekaufte Mannschaft, musste vor Jahresfrist «Bidu» Zaugg gehen: Der Trainer rentierte nicht.
Spektakel wollten die Verantwortlichen sehen! Und wen holten sie mit Rohr? Einen Defensivstrategen. Tiefpunkt seiner Betontaktik: der gegen das damals unterklassige Sion wegen Zauderns verlorene Cupfinal. Inzwischen ist auch Rohr beseitigt, und die Missverständnisse um den Deutschfranzosen erklären sich nur so: In der YB-Führung reden viele Männer mit, nur keiner mit genügend Fussballkenntnis. Sportchef Marcel Hottiger liess vor seinem Abgang mit Gürkan Sermeter den letzten Spieler ziehen, den die Fans noch bedingungslos liebten. Dafür besetzte er mit Gilles Yapi und Davide Chiumiento Hakan Yakins Position gleich doppelt neu - wo doch jedes Kind weiss, dass man Yakin nicht verunsichern darf. Nur wenn man ihn hätschelt, ist er der beste Spieler auf Schweizer Fussballplätzen.
Beweis für YBs Führungskrise war die Trainersuche. Naiv die Anfrage an Hanspeter Latour, der sich in Köln im Hoch befindet, ein Witz jene an Murat Yakin, dem jegliches Diplom zum Trainieren eines Super-League-Teams fehlt, peinlich das Kokettieren mit Ottmar Hitzfeld. Jedes Detail wurde unbedarft der Presse ausgeplaudert, und zuletzt holte man den blassen Martin Andermatt, gegen den sich Fans und Spielerrat ausgesprochen hatten.
Und schon faseln die Investoren wieder von internationaler Spitze, dabei ist YB noch nicht einmal lokal top. Wer in Bern Spektakel sehen will, geht ins Eishockeystadion.
_________________ For Ever
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