15.10.2012

Zitat:
Gegner und Reiseführer in Reykjavik
Gretar Steinsson spielte in Island, Holland und England. Heute ist der frühere YB-Fussballer bei Kayserispor engagiert – und trifft morgen mit Island auf die Schweiz.
Gretar Steinsson wäre zweifellos ein guter Reiseführer in Reykjavik. Kompetent preist er die besten Restaurants der isländischen Hauptstadt an, nennt die angesagtesten Bars und Clubs, kennt die trendigsten einheimischen Modedesigner und weiss, in welcher der vielen Wellness- und Badewelten es am schönsten ist. «Reykjavik ist eine tolle Stadt», sagt Gretar Steinsson, der temporäre Reiseführer, der als Fussballspieler bekannt geworden ist.
Die Fortschritte in Island
Die Szene spielt am Sonntagnachmittag in der Lobby des Hilton-Hotels in Reykjavik, hier bereitet sich das isländische Nationalteam auf das Spitzenspiel der WM-Qualifikation gegen die Schweiz vor. Steinsson empfängt den Gast aus Bern zum Gespräch. Der 1,89 Meter grosse Athlet antwortet ausführlich und spricht mit leiser Stimme, die so gar nicht zu seinem Erscheinungsbild mit den furchterregend tätowierten Armen und zur kämpferischen, harten, draufgängerischen Spielweise passt.
Nur etwas mehr als 300'000 Menschen leben in Island, weit weg vom Festland Europas, doch die Chancen des Fussballexoten auf eine erstmalige WM-Qualifikation stehen nicht schlecht. «Leider haben die Leute hier noch nicht realisiert, welche historische Möglichkeit sich Island bietet», sagt Steinsson. «Nach dem Heimsieg gegen Norwegen mussten wir vor einem Monat eine sehr lange und komplizierte Reise nach Zypern verdauen. Doch die Niederlage dort haben wir zuletzt ja mit dem Erfolg in Albanien kompensiert.» Für ihn sei es keine Überraschung, habe Island derart bemerkenswerte Fortschritte erzielt. «Physisch waren wir schon immer gut. Und in den letzten Jahren hat sich die Nachwuchsarbeit erheblich verbessert.» Die Trainer seien viel umfassender ausgebildet, erklärt er, zudem sei die Infrastruktur dank den zahlreichen übers ganze Land verteilten Indoortrainingsanlagen ausgezeichnet. «Und die jungen, talentierten Spieler gehen alle schon früh ins Ausland.»
Das Toprestaurant in Bern
Auch Gretar Steinsson zog einst los, um die Fussballwelt zu erobern. Im Januar 2005 wechselte er als 23-Jähriger zu YB, und obwohl er nur acht Monate blieb, schwärmt er minutenlang und in den höchsten Tönen von seiner Zeit in der Schweiz. Er wäre ein prächtiger Reiseführer in Bern. «Wahnsinnig gereift» sei er auf seiner ersten Auslandstation. «Stadt, Verein, Mitspieler und Leute waren fantastisch.» Er sei viel mit Roman Friedli und Nicolas Kehrli zusammen gewesen, auch Gabriel Urdaneta habe in der gleichen Strasse gewohnt, von Stéphane Chapuisat und Hakan Yakin habe er einiges gelernt. Und dann wird Steinsson regelrecht euphorisch, als er vom «besten Restaurant der Welt» spricht. Zweimal täglich sei er ins Rotonda in der Länggasse gegangen, der Wirt und das Essen seien «sensationell» gewesen. «Ich bin ja viel gereist und habe in einigen Ländern gelebt», sagt Steinsson, «und ich habe wirklich nie ein tolleres Restaurant gesehen.»
Gretar Steinsson redet und erzählt viel, während er das in Island beliebte, alkoholfreie Malzbier trinkt. Von seiner Zeit bei Alkmaar (2005 bis 2008), wo er den Durchbruch zum international umworbenen Rechtsverteidiger schaffte. Von den viereinhalb Jahren zuletzt bei Bolton, wo er wie überall bald zum Publikumsliebling aufstieg und einst engen Kontakt zu Teamkollege Blerim Dzemaili pflegte. «Die Schweiz hat viele starke Fussballer wie Dzemaili, die in grossen Ligen spielen», sagt Steinsson, «und ist in unserer Gruppe klarer Favorit.»
Unschöner Abgang bei YB
Es gibt viele Geschichten aus dem Fussballerleben des 30-jährigen Steinsson. In diesem Frühling etwa legte ihm Bolton einen Vertrag vor, der bis ins Jahr 20014 gelaufen wäre («Die eine Null zu viel hätte den Klub ein Vermögen gekostet»)! Nach dem Abstieg aus der Premier League aber verliess er im Sommer England und heuerte bei Kayserispor an. «Ich bin ein offener Mensch und mache gerne neue Erfahrungen», sagt Steinsson. Einen Europacup-Platz strebt er mit dem international und relativ prominent besetzten türkischen Verein an.
Und bald will er endlich mal wieder nach Bern kommen. Er habe keinen Kontakt mehr zum Verein, aber noch zu einigen Fans – und verfolge die YB-Resultate immer. Sein Abgang in Bern geriet im August 2005 ja zur Schlammschlacht, es ging um Geld und ein verdrecktes Auto, um Lügen und eine lausig hinterlassene Wohnung. Auch die Berner Zeitung erhielt damals eine unfreundliche E-Mail Steinssons. «Das ist lange her. Ich war noch jung, es gab viele Vorwürfe», sagt er. «Der Klub und ich haben Fehler gemacht.»
Zum Abschied schreibt Reiseführer Gretar Steinsson noch einige gute Shops in Reykjavik auf. Er komme immer wieder gerne zurück nach Island, wolle aber nach dem Ende seiner Karriere nicht in der Heimat leben – sondern als Trainer im Ausland.
http://www.bernerzeitung.ch/sport/fussb ... y/23935907