Registrieren    Anmelden    Forum    Suche    FAQ

 

 

 

     

 

 

Foren-Übersicht » www.ybfans.ch » Fussball allgemein




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 2 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Beitrag Verfasst: Donnerstag 17. März 2005, 11:42 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: Freitag 21. Mai 2004, 10:37
Beiträge: 3822
Wohnort: Bern
FANGESÄNGE

"Nie Britney Spears, lieber Tony Marshall"

Eigentlich mag Reinhard Kopiez Fußballspiele nicht besonders. Aus beruflichen Gründen war er aber häufig im Stadion. Der Musikwissenschaftler untersucht die Gesänge der Fans. Im Interview spricht er über Gänsehaut, Einpeitscher, Affen und passende Gesänge.

Reinhard Kopiez, Jahrgang 1959, lehrt an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Der Musikwissenschaftler ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie. Zusammen mit Guido Brink hat Kopiez das Buch "Fußball-Fangesänge" veröffentlicht (Verlag Königshausen & Neumann, 1999, 20,50 Euro, mit beigelegter CD).


Frage: Herr Kopiez, sechs Jahre lang haben Sie die Gesänge von Fußball-Anhängern in den Stadien untersucht. Was ist dran an der Fankultur, die Sie so begeistert, obwohl Sie selber gar kein Fußballfan sind?

Kopiez: Es ist die Emotionalität der Situation. Was abläuft, wenn man dicht gedrängt auf Stehplätzen eingepfercht ist und dort die rein akustische Gewalt der Fangesänge erlebt. Das ist ein Lautstärkepegel wie auf dem Flugplatz, wenn ein großes Düsenflugzeug startet. Dieser Demonstration von stimmlicher Macht konnte ich mich nicht entziehen. Das ist wirklich ein Gänsehautmoment. Das hat gleichzeitig etwas Faszinierendes und Bedrohliches.

Frage: Weil so viel Kraft darin liegt?

Kopiez: Ja. Wenn das Ganze friedlich verläuft, ist es eine sehr beeindruckende Erfahrung. Sich in einer Gruppe aufgehoben zu fühlen entspricht unserem evolutionären Erbe. Die Menschheit hat überlebt, weil sie gemerkt hat, dass ihre eigentliche Stärke das Soziale und nicht unbedingt der Werkzeuggebrauch ist. Im Stadion komme ich immer an diesen Punkt, an dem ich spüre: Das Erfolgsmodell Mensch hat mit der starken Tendenz zur Gruppenbildung zu tun.


Frage: Aber die Fans singen doch auch, um im Stadion Stimmung zu machen.

Kopiez: Genau. Man stellt durch Gesänge und Tanz eine gute Stimmung her und versucht, sie aufrecht zu erhalten. Nach einem Tor wird zum Beispiel gesungen "Einer geht noch, einer geht noch rein". Die Fans versuchen, den euphorischen Zustand eines Führungstors oder eines Ausgleichstors möglichst lange zu halten. Das ist ein wichtiges Motiv für das Singen, für das rhythmische Klatschen.


Frage: Eine immer wiederkehrende Inszenierung?

Kopiez: So ist es. Der nicht alltägliche Gebrauch der Stimme, das Singen und die Bewegung, das Hüpfen und Tanzen, das sind Momente, in denen die Fans etwas Ausgelassenes und Wildes erleben. Sie inszenieren das ganz gezielt, es ergibt sich nicht zufällig. Der FC Bayern München hat zum Beispiel mehrere Fanorganisationen, die alles durchplanen, vom Feuerwerk bis zum Hochhalten von Farbtafeln in den Fangruppen, die dann bestimmte Schriftzeichen oder das Logo des Vereins ergeben.


Frage: Eine solche Choreografie der Bayern-Fans fiel aber auch schon mal negativ auf: Die Fans hatten Hunderte von Aldi-Plastiktüten hochgehalten, als ihre Mannschaft gegen einen türkischen Verein gespielt hat. Die Presse rügte sie als rassistisch.

Kopiez: Es geht im Stadion nicht immer politisch korrekt zu. Man zielt am liebsten unter die Gürtellinie. Das Herausstellen der Schwächen des Gegners ist psychologische Kriegsführung. Wenn gegen einen türkischen Verein gespielt wird, singen die Fans: "Ihr könnt zum Aldi fahren". Als nach der Wende gegen ostdeutsche Mannschaften gespielt wurde, tauchten bei den Gegnern Gesänge auf wie "Zieht die Mauer hoch". Das ist auch nicht gerade korrekt. Man findet immer einen wunden Punkt.


Frage: Den Stadion-Gesang von den "Ruhrpottkanaken", der die Fans von Borussia Dortmund diffamieren sollte, wurde entkräftet, indem die Fans das Lied einfach selbst gesungen haben.

Kopiez: Ja, das ist raffiniert. Bevor man sich beleidigen lässt, ironisiert man seine eigene proletarische Herkunft. Die Fans singen dann "Ruhrpottkanaken, wir sind die Ruhrpottkanaken" - das heißt, wir sind auch stolz drauf, wer wir sind. Und Köln singt "Wir sind nur ein Karnevalsverein". Man versucht, dem anderen die Argumente zu nehmen.


Frage: In Ihrem Buch erzählen Sie die Geschichte, dass einmal ein lebensgroßer Obi-Hamster zu Werbezwecken durchs Stadion lief und die Fans dann sangen "Hässlicher Hamster, du bist ein hässlicher Hamster". Wie kann eine so große Menschenmenge spontan einen Gesang anstimmen?

Kopiez: Es gibt in den Fangruppen einzelne Personen, die Stimmungsmacher sind. Sie geben Impulse in die Menge. Eine Fangruppe ist keine unkontrollierte Masse, wie man als Außenstehender denkt. Es sind allerdings nur wenige, die das Privileg haben. Nicht jeder darf anfangen zu singen, dann singt in der Regel gar keiner mit. Es kann auch sein, dass man auf seinen Platz verwiesen wird.


Frage: Und die Stimmführer leiten sozusagen das Orchester?

Kopiez: So ist es. In vielen Fankurven steht der Chantleader mit dem Rücken zum Spielfeld und dirigiert die Chöre. Er schaut nur ab und zu, was hinter ihm passiert. Solche Personen haben Kultstatus in den Fangruppen, jeder kennt sie. In Dortmund stiegen ein paar Fans nach der gewonnenen Meisterschaft vor lauter Begeisterung auf die Umzäunung - so etwas kann zum sofortigen Spielabbruch führen. Also intonierten die Chantleader "Holt die Affen runter vom Zaun", sie sangen also eine Disziplinarmaßnahme. Das ist alles nicht vorhersehbar, das ist völlig spontane Situationskomik. An solchen kreativen Einfällen sieht man, wie lebendig die Kultur der Fangesänge ist.


Frage: Es gibt Stadion-Gassenhauer, die immer wieder gesungen und variiert werden. Was macht denn einen attraktiven Stadionsong aus?

Kopiez: Er darf nicht zu lang sein, man muss sie nach dem ersten Zuhören nachsingen können, und er darf keinen zu großen Tonumfang haben, so dass auch ungeübte Stimmen es hinkriegen. Die Grundtendenz ist konservativ: Die Fans singen eher die Unterhaltungsmelodien aus der Generation ihrer Eltern als die aus ihrer eigenen. Man wird im Stadion nie einen Titel von Britney Spears hören, sondern eher von Tony Marshall.

Das Interview führte Anne Otto



Der Spiegel

_________________
Bild


Nach oben 
 Profil  
Mit Zitat antworten  
 Betreff des Beitrags:
 Beitrag Verfasst: Donnerstag 17. März 2005, 17:14 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: Montag 20. Dezember 2004, 19:07
Beiträge: 93
:megaphon: :aiaiai:

_________________
Bild


Nach oben 
 Profil  
Mit Zitat antworten  
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
 
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 2 Beiträge ] 

Foren-Übersicht » www.ybfans.ch » Fussball allgemein


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

 
 

 
Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de