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 Beitrag Verfasst: Dienstag 6. Dezember 2005, 10:40 
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FUSSBALL IN MOGADISCHU

Torjubel aus der Kalaschnikow

Von Jochen Stahnke

Schikanen, Schutzgeld, Todesangst: Wenn ein Kicker in der gesetzlosen Hauptstadt Somalias zum Training fährt, riskiert er dabei sein Leben. Doch im Kriegsgebiet steht der Fußball auch für das Überleben. Ein normaler Ligabetrieb ist allerdings so gut wie unmöglich.

Das Fußballtraining vom FC Elman findet heute am Strand von Mogadischu statt. Trainer Abdil Farah Gehe nimmt keine Rücksicht auf seine Spieler. Er jagt die Mannschaft die Dünen rauf und runter, zwischendurch gibt es Liegestütze und Sprungübungen. Trainiert wird fünfmal die Woche. In Deutschland habe er einst einen Lehrgang von Trainer Holger Osieck besucht, dem ehemaligen Assistenten von Franz Beckenbauer und Weltmeister 1990. "Das Abwehrverhalten ist seitdem unsere große Stärke", sagt er nicht ohne Stolz.

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Die Dünen von Mogadischu sind ein surrealer Hort der Ruhe am Rande der nun schon seit 14 Jahren gesetzlosen Stadt. Zerlumpte Kinder kommen aus dem nahegelegenen Flüchtlingslager gelaufen und toben fröhlich den Sand hinunter. Die zerschossene Stadt im Hintergrund wirkt von hier aus friedlich - fast so, als ob die sonst allgegenwärtigen Milizen und waffenstarrenden Mordbanden Mogadischus nur ein böser Traum wären.

Spätestens zum regulären Training werden die Spieler jedoch wieder von der Realität eingeholt. Ein bis drei Checkpoints müsse man gewöhnlich auf dem Weg zum Training passieren, sagt Abdukahir Omar Ibrahim, Kapitän des Teams. Die Kriegsherren der Stadt haben Mogadischu fast lückenlos unter sich aufgeteilt. Mächtige Warlords wie Osman Ato generieren durch Wegzölle, Schutzgelder und Drogenhandel täglich Tausende Dollar und investieren viele davon erneut in Waffen.

Bezeichnenderweise ist auch Elmans Trainingsplatz einem Warlord unterstellt. "Manchmal erhöhen sie die Gebühr willkürlich", erzählt Ibrahim. Ob das allerdings mit Elmans Abschneiden in der Liga zusammenhängt, wisse er nicht so genau, grinst der Mittelfeldspieler. Elman ist der Name eines angesehenen Geschäftsmannes und Friedensaktivisten, der im Chaos des untergegangenen Staates Somalia den jugendlichen Milizionären gewaltfreie Alternativen bieten wollte. "Nimm den Ball! Nimm den Stift! Und wirf die Waffe weg", war seine Losung. Nicht zuletzt dafür wurde er 1996 auf offener Straße in Mogadischu erschossen. Seitdem trägt der Club seinen Namen.

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Ehemalige Militärbasis dient als Stadion

Man muss einen unerschütterlichen Glauben haben, um in Mogadischu hauptberuflich Fußball zu spielen. Im Februar wurden bei einem Bombenanschlag auf eine Delegation der Afrikanischen Union zwei junge Fußballer getötet, die gerade auf einem angrenzenden Sportplatz trainierten. "Als Spieler brauchst du hier ein ruhiges Gemüt, denn viele Zuschauer nehmen ihre Waffen auch mit ins Stadion", sagt Ali Wiinkey, der Stürmer mit der Nummer neun. Wenn Tore fallen, werde die unausweichliche AK-47 auch schon mal abgefeuert. Dabei kostet ein Magazin der Kalaschnikow etwa 20 Dollar - ein Vermögen, selbst für einen Milizionär.

Da etwa 80 Prozent der Einnahmen pro Spiel für Miete und Schutzgelder an die Miliz gehen, reicht das Monatssalär der Spieler gerade so für Unterkunft und Verpflegung. Immerhin: Trikots und Ausrüstung bezahlen Geschäftsleute aus dem boomenden Mobilfunksektor in Somalia - die riesige somalische Diaspora macht es möglich.

Der FC Elman trägt seine Spiele im uralten, noch von den italienischen Kolonialherren erbauten Banadir-Stadion aus. Meist kommen etwa 2000 Zuschauer. Das riesige Nationalstadion, Basis der pakistanischen Truppen während der Uno-Mission 1994, ist nicht bespielbar - dort veranstalten findige Geschäftsleute heute entweder Autorennen oder geben Fahrstunden.

Die somalische Liga spielt ihre Meisterschaften zumeist in einer Reihe von mehrtägigen Turnieren aus. Wöchentliche Fahrten in andere Städte wären weder finanzierbar noch sicherheitstechnisch zu rechtfertigen. Elman ist gegenwärtig Tabellenführer. Das verspräche die Teilnahme an der Afrikanischen Champions League und damit viele bezahlte Reisen, denn die Fifa verbietet internationale Spiele auf somalischem Boden. "Vor fast jedem Turnier denke ich: Das war's jetzt, du musst irgendwie Geld verdienen," seufzt Ali Wiinkey. Doch der Fußball lässt ihn nicht los. Fußball bedeutet Freiheit. Überall.

spiegel.de, 6.12.05

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