ebund.ch, 04.10.2008
«Stielike hat nichts zu verlieren»Fussball: Georges Bregy
Der 50-jährige Georges Bregy spielte für YB und für Sion. Zu den Klubs hat der Trainer des Zürcher Erstligisten Red Star unterschiedliche Verhältnisse: YB steht ihm näher als der FC Sion und dessen Präsident Christian Constantin.
Reden wir vom FC Sion oder vom FC Wallis?
Georges Bregy: Vom FC Sion. Eigentlich sollte es der FC Wallis sein. Oder werden.
Ist der FC Wallis eine Utopie?
Er kann es derzeit nicht sein.
Warum nicht?
Weil nur gerade noch zwei Walliser Spieler im Kader Platz haben: Crettenand und Mfuti. Das ist alles. Dafür hat es viele zugezogene und ausländische Spieler, die aber den Unterschied nicht ausmachen. Die Identifikation mit der Bevölkerung ist nicht mehr ausgeprägt vorhanden.
Oberwalliser hat es sowieso keine mehr im Team.
Vielleicht hat es derzeit keine, die das Niveau hätten, mag sein. Zu meiner Zeit waren wir mehrere, und das hat die Bindung zum Oberwallis gestärkt: Brigger, Cina und ich waren damals dabei.
Und doch: Die Zuschauerzahlen sind bislang bemerkenswert. Statistisch weist Sion den drittbesten Besucherschnitt auf.
Wenn der Erfolg länger ausbleibt, gehe ich davon aus, dass diese Zahlen zurückgehen werden.
Hat das Wallis keine eigenen Talente?
Doch, es gäbe sicher welche. Es wird im Grunde auch viel Geld in die Juniorenabteilung gesteckt. Und man sieht anhand des Beispiels Gelson Fernandes, dass es durchaus lohnenswert ist. Aber es kann nicht sein, dass nur alle Schaltjahre einmal ein Gelson herausgebracht wird.
Wo orten Sie das Problem?
Christian Constantin will alles unter Kontrolle haben, den sportlichen, aber auch den administrativen Bereich. Er will alles machen. Er wäre aber besser mehr Präsident als Einflussnehmer auf die sportliche Abteilung. Und er macht für mich eindeutig zu wenig für den Nachwuchs des FC Sion. Vielleicht müssen zuerst kleinere Brötchen gebacken werden, damit ein Neuanfang mit einer Mehrzahl an Schweizern in Sion gemacht werden kann.
In der Bevölkerung scheint Constantin aber Rückhalt zu haben.
Er hat den FC Sion am Leben erhalten, als er vor dem Ruin stand. Das ist der Grund. Er wurde von vielen als Messias angeschaut, ungeachtet dessen, was er bei seinem Abgang nach der verpassten Champions-League-Qualifikation hinterliess. Die teure Mannschaft, die Schulden, das war alles vergessen, als Constantin den FC Sion 2003 zum zweiten Mal übernahm und es durchsetzte, dass er mit Verspätung in der Challenge League integriert wurde.
Und trotz seines Umgangs mit Trainern findet er immer wieder einen Coach, der unter ihm arbeitet.
Ein Uli Stielike hat nichts zu verlieren. Es gibt aber sicher andere Trainer, die sich sagen: lieber in Sion unter Constantin einen Job haben als gar keinen.
Würden Sie ein Trainerangebot von Constantin ablehnen?
Ich würde unter den herrschenden Voraussetzungen einen Job in Sion nicht annehmen. Konflikte sind doch programmiert, weil sich Constantin einmischt. Stielike ist am ehesten der Trainer, der es sich leisten kann, Gegensteuer zu geben. Er hat ja offen gesagt, dass die Qualität des Kaders vielleicht doch nicht so gut ist, wie man vor dem Saisonstart angenommen hat. Stielike hat wirklich eine günstige Konstellation: Er kann Trainer sein, muss aber nicht.
Der FC Sion kommt in dieser Saison nur schwer in die Gänge. Die Erwartungen sind bisher nicht erfüllt worden. Sind Sie auch überrascht?
Ich habe die Mannschaft unter den ersten drei der Super League erwartet. Bisher wurde zu wenig geleistet.
Am Sonntag gastiert Sion bei YB, und YB ist auch «Ihr» Klub. Für wen schlägt das Herz heute?
Ich habe sechs wunderbare Jahre in Bern verbracht, bin Meister geworden und habe zu YB eine engere Bindung als zum FC Sion der Gegenwart. YB ist so etwas wie meine zweite Heimat geworden. Die erste Heimat bleibt der FC Raron, mein Stammklub.
Interview: Peter M. Birrer
http://194.209.226.170/pdfdata/bund/2008/10/04/SPBU-023-0410-2.pdf