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BZ, 29.03.2006
Die Suche nach Erfolg und Konstanz
Der Traum-Cupfinal am Ostermontag gegen
Sion überstrahlt bei YB alles. Doch in der Super League läufts nicht perfekt. Und die Zuschauerzahlen sind enttäuschend. Eine Analyse über den Verein, der sich im Umbau befindet.
27. März 2005: Das Stadion in Bern heisst Neufeld, die Zuschauerzahl beträgt 4800, der YB-Trainer heisst Hans-Peter Zaugg, der Sportchef Reto Gertschen, der Präsident Peter Mast, der Wankdorf-CEO Peter Jauch, und die Young Boys spielen beim 1:1 gegen Aarau in folgender Aufstellung: Wölfli; Steinsson, Carreño, Rochat, Urdaneta; Sermeter, Knez, Häberli (77. Geiser), Melunovic (69. De Napoli); Neri, Chapuisat.
26. März 2006: Das Stadion in Bern heisst Stade de Suisse Wankdorf, die Zuschauerzahl beträgt 13 267, der YB-Trainer heisst Gernot Rohr, der Sportchef Marcel Hottiger, der Präsident Fritz Bösch, der Wankdorf-CEO Stefan Niedermaier, und die Young Boys spielen beim 0:2 gegen Zürich in folgender Aufstellung: Wölfli; Christian Schwegler, Tiago, Portillo, Hodel; Pirmin Schwegler, Everson (82. Shi Jun); Yapi, Magnin (73. Yakin), Raimondi; João Paulo.
Nur Torhüter Marco Wölfli also wurde in beiden Partien des letzten Märzwochenendes der Jahre 2005 und 2006 eingesetzt. Unglaubliche 46 personelle Rochaden verzeichneten die Young Boys im Kader, Vorstand und Betreuerstab innerhalb von zehn Monaten von April 2005 bis Februar 2006. Es ist ein radikaler Umbau, den YB vollzogen hat. Die «NZZ am Sonntag» titelte in einem Artikel über die emsigen Aktivitäten der Berner: «Ein Bulldozer geworden».
YB hat jetzt: ein schmuckes, modernes Stadion; ein starkes Kader mit herausragenden Einzelspielern; eine solide finanzielle Basis; mit Gernot Rohr einen Fachmann als Trainer; mit Marcel Hottiger einen Sportchef, der das Team geschickt verstärkt hat; und vor allem Investoren sowie Funktionäre, die mit Leidenschaft und Ideen das Projekt «YB wird zur nationalen Grösse» vorantreiben.
Dennoch transportiert das Label YB zu wenig Emotionen. Dennoch ist das Wankdorf selten zur Hälfte gefüllt. Und dennoch liegen die Young Boys in der schwachen Super League abgeschlagen hinter Basel und Zürich auf Rang drei. Warum?
Identifikation
Irgendwie fehlt die absolute Identifikation. Vor einigen Jahren lautete der griffige Slogan «YB macht glücklich». Die Fans sympathisierten mit Fussballern wie den Armeniern Harut Wardanjan und Artur Petrosjan, mit YB-Ikonen wie Erich Hänzi, mit Trainer Marco Schällibaum und Sportchef Fredy Bickel. Damals war das Team schlechter als heute, doch die Leute gingen gut gelaunt an die Spiele und selbst bei Niederlagen bestens unterhalten wieder nach Hause.
Heute fehlt diese Identifikation mit YB (noch). Auch weil von den Stammkräften nur Mario Raimondi aus dem Kanton Bern stammt – und weil die Ausländer erst seit wenigen Monaten und teilweise nur leihweise dabei sind. Diese Söldnermentalität goutiert der Fan nicht. «Das braucht Zeit», sagt Gernot Rohr. «Wir sind im Umbruch, der bald abgeschlossen ist.» Der Trainer lobt die «treuen und guten Fans», und er sagt sogar: «Mir sind 10 000 Fans, die an uns glauben, lieber als 20 000 Fans, die sofort pfeifen.» Ob das die Investoren auch so sehen?
Stadion
Und das ist das zweite Problem. 17 000 bis 19 000 Zuschauer hiess die ehrgeizige Zielvorgabe der Verantwortlichen vor Bezug des Wankdorfs. Wohl eine utopische Zahl, derzeit beträgt der Schnitt rund 14 000. «Es ist doch gut, wenn sich die Verantwortlichen hohe Ziele setzen», sagt Rohr. Und: «Wenn ich andere Vereine anschaue, lese ich dauernd von Minusrekorden.» Das mag stimmen. Gleichwohl ist das Interesse in Bern bescheiden. Besseres Fussballwetter als am Sonntag kann es nicht geben, die Affiche nach dem hitzigen Cuphalbfinal in Zürich versprach Spannung, und dennoch erschienen bloss 13 000 Leute.
Erfolg
Dabei ist YB geografisch zwischen Neuenburg und Basel beinahe ohne fussballerische Konkurrenz. Und das Niveau in der Super League ist tiefer als früher. Traditionsvereine wie Lausanne, Servette, Sion und Luzern streben aber die Rückkehr in die oberste Spielklasse an, auch in anderen Städten wie St. Gallen oder Neuenburg werden neue Stadien gebaut.
Selten wäre es derart einfach gewesen, um den Titel mitzuspielen. Aber Basel und Zürich sind weit enteilt, dabei verfügt mindestens der FCZ kaum über das bessere Kader als YB. «Wir haben uns mit den vielen neuen Akteuren rasch gefunden. Jetzt brauchts nur noch punktuelle Verstärkungen», sagt Rohr, der seine Spieler bislang konsequent verteidigt hat. Das macht gewiss Sinn. Allerdings redet der Trainer die teilweise wenig inspirierten Auftritte der Seinen demonstrativ besser. Wenn es YB nicht gelingt, die ausgeliehenen Leistungsträger wie Gilles Yapi und vor allem Everson, Pirmin Schwegler und Torjäger João Paulo zu halten, dann beginnen die personellen Rochaden in diesem Sommer auf den Schlüsselpositionen wieder von vorne. «Wir wollen alle behalten. Und es sieht gut aus», sagt Sportchef Hottiger.
Spektakel
Mit dieser teuren Equipe und in dieser tollen Arena muss YB viel attraktiver auftreten. Das wurde schon dem früheren Coach Hans-Peter Zaugg vorgeworfen. In bisher sieben Ligaspielen nach der Winterpause schoss Rohrs Gemeinschaft nur acht Tore. «Viele Teams spielen gegen uns defensiv», erklärt der Deutschfranzose. In Rohrs zu ökonomischem 4-2-3-1-System firmiert João Paulo als einziger und oft einsamer Stürmer. «Viele grosse Teams wie Chelsea und Barcelona spielen so», sagt Rohr. Der Druck, unbedingt Rang 3 und den Uefa-Cup zu erreichen, wirkt lähmend. Zum Glück für YB sind die Verfolger GC und Thun meilenweit von ihrer Bestform entfernt.
Yakin
Hakan Yakin ist die ideale Figur, um mehr Spielfreude und Leidenschaft zu vermitteln. Der lange verletzt gewesene Regisseur soll heute beim Gastspiel in St. Gallen wieder einen Teileinsatz erhalten und am Sonntag in Basel beginnen. «Das ist der Plan», sagt Rohr. Als Yakin am letzten Sonntag gegen Zürich eingewechselt wurde, empfing ihn das Publikum mit Applaus und fast wie einen kleinen Messias. «Als er reinkam, stand es 0:0. Am Ende verloren wir 0:2. Yakin braucht ein Erfolgserlebnis und viel Spielpraxis», urteilt Rohr über den Hoffnungsträger, der auch wegen seiner polarisierenden Art die Leute ins Stadion locken soll.
Konstanz
YB spielt bestimmt keine schwache Saison, doch eben auch keine überragende. Es fehlt die Konstanz. In diesem Frühling gelang nur beim 4:1 im Cuphalbfinal in Zürich über die gesamte Spielzeit eine starke Leistung. «Daran arbeiten wir. Aber auch das geht nicht von heute auf morgen», sagt Rohr.
Cupfinal als Chance
Zeit aber ist im rasanten Fussballbusiness ein kostbares Gut. Mit dem Umbau des Kaders wurde ein Jahr zu spät begonnen – daran tragen die neuen sportlichen Entscheidungsträger keine Schuld. Sie arbeiten professionell und haben ausgezeichnete Spieler verpflichtet. Nun muss der letzte Schritt – zum attraktiven Spitzenteam – gelingen. Dank dem Cupfinal am 17. April gegen den FC Sion bietet sich jetzt die einmalige Gelegenheit, mit dem ersten Titelgewinn seit 1987 die Emotionen endgültig zu entzünden.
_________________ For Ever
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