03.08.2015

Zitat:
Den Schiedsrichtern kann geholfen werden
FUSSBALL. Irgendwann kommt man nicht mehr um das Thema herum: um das bescheidene Niveau der Schweizer Schiedsrichter. Statt sie immer zu schonen, müsste man sich überlegen, wie man ihnen helfen kann.
Dass Schiedsrichter hierzulande auf Penalty entscheiden, sobald im Strafraum der Ball quasi selbständig an die Hand eines Abwehrspielers fliegt oder springt, ohne dass dieser reagieren kann - daran haben wir uns gewöhnt. Eine neue Art von Präjudiz schaffte indessen der Spielleiter der Partie St.Gallen gegen die Young Boys am 1. August in der AFG-Arena. Wenn ein Spieler eine Pirouette dreht und dabei dummerweise einen Gegner berührt wie ein sanfter Luftzug, dann darf der Ref ungeniert auf den Penaltypunkt zeigen.
Es ist kein Einzelfall. Dass die Schiedsrichter in der neuen Saison offensichtlich eine eigene Art von Regelauslegung pflegen, war mehrfach zu beobachten. Da verlegte einer schon im Startspiel des Meisters ein Foul einfach in den Strafraum hinein, wieder einmal das Vorurteil stärkend, dass der FC Basel von den Refs bevorteilt werde. Den Match des FC St.Gallen in Sion müssen wir nicht mehr rekapitulieren.
Kein Ausgleich über Saison hinweg
Dass sich Glück und Pech bei Fehlentscheidungen über die Saison hinweg aufheben, hat vor einigen Jahren schon eine Studie in England widerlegt. Diesen Sommer kam das Schweizer Fussballmagazin „Zwölf“ zum selben Schluss, nachdem seine Journalisten aufgrund sämtlicher TV-Zusammenfassungen 93 gravierende Fehlentscheide in der Super League festgestellt haben. Am meisten benachteiligt wurden die Young Boys (minus achtmal), am häufigsten bevorteilt Thun (plus achtmal). Der FC St.Gallen wurde achtmal bevorteilt, elfmal benachteiligt. Im Falle der Young Boys hatte die Minusbilanz keinen Einfluss auf deren zweiten Schlussrang. Die Thuner wären statt Dritte bloss Achte geworden, der FC St.Gallen Dritter statt Sechster. Und statt Aarau wäre Vaduz abgestiegen...
Refs - ein Puzzleteil im Saisonbild
Selbstverständlich kann nicht behauptet werden, die Schiedsrichter hätten die Meisterschaft verfälscht. Denn sie sind nur ein Teil des grossen Puzzles, welches das Saisonbild ergibt. Ebenso müsste man zum Beispiel die Spieler zur Verantwortung ziehen, die aus fünf Metern nur an die Latte schiessen, oder jene Schauspieler, die den Schiedsrichter mit Schwalben und anderen Unsportlichkeiten bewusst düpieren. Weil die Meisterschaft von Rang zwei an abwärts so ausgeglichen verläuft, sind Kleinigkeiten oft ausschlaggebend. Man könnte auch die Kunstrasen der beiden Berner Vereine erwähnen. Die Young Boys und der FC Thun weisen in den vergangenen zwei Jahren auffallend gute Heimbilanzen auf.
Video-Technik und klare Richtlinien
Was die Schiedsrichter betrifft, ist die Zulassung von Video-Technologie fast überfällig. Und wie in der National-Hockey-League in Montreal müsste eine neutrale Stelle mit vielleicht drei Personen irgendwo in der Schweiz eine kritische Situation nochmals beurteilen können. Das würde nicht allzu lange dauern und wie in der NHL oder im Tennis würde dieses Overruling die Schiedsrichter keineswegs in ihrer Autorität einschränken. Im Gegenteil: Wir wissen ja heute, wie schwierig die Aufgabe der Schiedsrichter geworden ist, und manch einer wäre schon froh gewesen, eine Zweitmeinung hätte seinen Fehler ausgebügelt. Aber darüber müsste der Regelboard der Fifa entscheiden. Doch dort haben die obersten Chefs, wie hinlänglich bekannt, für Veränderungen jeder Art wenig Verständnis.
Wie aber kann denn Schweizer Schiedsrichtern geholfen werden? Indem ihnen vom Obmann vernünftige Regelauslegungen mit auf den Weg gegeben werden. Bei den Händevergehen scheint dies nicht der Fall zu sein. So eine Sekunde lang darf sich doch ein Schiedsrichter fragen, hatte der verteidigende Spieler hier wirklich Grund den Ball mit der Hand zu spielen? Oder war es nicht doch einfach eine unglückliche Situation, bei welcher der Ball an die Hand oder den Arm sprang, egal ob angelegt oder aus der Bewegung heraus gestreckt?
Kettenreaktion beim YB-Match
Wie ein Schiedsrichter in die Pedrouille gerät, wenn er wegen fehlender Konsequenz falsch pfeifen muss, war am Samstag zu beobachten: Zunächst verwarnte er Wiss, versäumte dann aber Kubo die gelbe Karte zu zeigen, weil er nach dem Offsidepfiff noch Richtung Tor schoss. Wenig später fühlte sich der Spielleiter bei ähnlicher Situation gezwungen, Sulejmani zu verwarnen, obwohl dieser nach (übrigens falschem) Offsidepfiff gar keine Zeit hatte zu reagieren. Erneut unangebracht war dann die zweite gelbe Karte gegen den YB-Mann, der dem Zusammenstoss mit Lopar sogar ausweichen wollte. Offensichtlich fühlte sich der Schiedsrichter hierauf nicht ganz wohl in seiner Haut und suchte mit dem Elfmeterpfiff ausgleichende Gerechtigkeit.
St.Galler zu brav
Was kann der FC St.Gallen tun? In einem Artikel einer Schweizer Zeitung während der Krise im Frühjahr war zu lesen, dass die Spieler schon so resigniert hätten, dass sie nicht einmal Fehlentscheide beim Schiedsrichter beanstandeten. Damit hat der Verfasser nur teilweise Recht: Die St.Galler reklamieren überhaupt nie. Albert Bunjaku bemängelte nach dem Penalty vom Samstag zuerst das Fehlverhalten der eigenen Mannschaft. Aus dem Mittelfeld hätte der Ball nach vorne gespielt werden müssen statt ihn im Geplänkel herzugeben. Solche Einsicht ehrt Bunjaku. Die Captainbinde steht ihm gut. Auch die von ihm erwarteten Leistungen hat der sechsfache Schweizer Internationale in den ersten Spielen erbracht. Dennoch wünschte man sich, dass die St.Galler bei den Spielleitern bei krassen Fehlentscheidungen auch einmal eine heftige Note deponieren. Die Spielleiter werden nicht besser, wenn man sie schont. Sie meinen dann, alles sei in bester Ordnung. Mario Mutsch drückte nach seinem „Foul“ die Hände ans Gesicht; es sah aus wie ein Schuldgeständnis. Nicht leistungsfördernd bei den Schiedsrichtern ist auch die gängig Formulierung „umstrittener Penalty“, wenn ein klarer Fehlentscheid vorliegt, oder jene von „der Schiedsrichter hatte keine andere Wahl“, wenn der Ball dem am Boden liegenden Spieler „unglücklich“ an den Arm sprang, wie im Spiel Zürich gegen Minsk.
Die Fehler beim Namen nennen und handeln, das sollte die Devise im Schiedsrichterwesen sein. Sonst bringen wir die Zahl Misstöne nie auf ein Normalmass.
Aufgefallen
Lang hat es also nicht gedauert: Der FC Zürich entlässt Trainer Urs Meier. Der flaue Start mit zwei Remis und einer Niederlage in letzter Minute könnte mit der langen Liste von Absenzen begründet werden. Aber die Erinnerung an die Heimschwäche im Frühjahr wurde dem Trainer nun wohl zum Verhängnis, wie es übrigens beim FCZ auch Urs Fischer (!) widerfahren war. Vielleicht folgt nun die Reaktion mit dem neuen Mann am nächsten Wochenende in der AFG Arena...
Trainer Jeff Saibene darf – ebenfalls eingedenk der prekären Resultate im Frühjahr – mit den vier Punkten aus den drei Startspielen zufrieden sein. So wie sie verliefen, sehr von Kleinigkeiten und den Schiedsrichtern beeinflusst, hätten es weniger, aber auch mehr sein können. In den weiteren Partien dürfte der Zufall ebenfalls eine grosse Rolle spielen. Das Wichtigste ist, dass die Leistungen stimmen. Immerhin traf St.Gallen auf zwei Meisterschaftsfavoriten. Fragt sich nur, ob Sion und das momentan ersatzgeschwächte Young Boys diesen Ansprüchen gerecht werden können.
Mit Daniel Pavlovic versucht ein weiterer früherer Spieler des FC St.Gallen, in der Serie A Fuss zu fassen. Wie Marwin Hitz vom FC Augsburg hatte er beim FC St.Gallen nicht Unterschlupf im Kader der ersten Mannschaft gefunden. In der „La Gazzetta dello Sport“ ist der 27-jährige bei Aufsteiger Frosinone (südlich von Rom gelegen) bereits in der Startelf auf der linken Abwehrseite aufgeführt.
Tranquillo Barnetta hat nun doch ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewechselt. In Philadelphia muss er sich trotz missglückter Premiere nicht mehr hoch dienen. Bloss ein Gerücht ist jedoch, dass ihm für den Erhalt der Arbeitsbewilligung die Greencard des FC St.Gallen ausreichte.
http://www.tagblatt.ch/aktuell/sport/fc ... 16,4308475