NZZ, 19.08.2010
Plastic unter englischer AnklageDer Tottenham-Trainer ortet den Berner Kunstrasen als Hauptschuldigen
Bevor er zu den Medien sprach, machte Harry Redknapp zuerst an der Kaffeemaschine Halt. Der Tottenham-Trainer brauchte Koffein. Er rührte seelenruhig im Becher, ordnete Gedanken und schritt zum Podium. Was er von den Seinen in der ersten halben Stunde gegen YB gesehen hatte, brachte ihn in Erklärungsnot.
Man hatte in jener Phase jedenfalls nie das Gefühl, ein englisches Schwergewicht zu sehen, immerhin den Vierten der Premier League, der keinen verpassten, von Unruhen begleiteten Meistertitel, keinen Trainerwechsel und auch keine Zäsur im Mannschaftsgefüge zu bewältigen hat – im Gegensatz zu Fenerbahce Istanbul, dem YB-Gegner der ersten Qualifikationsrunde.
Redknapp hatte schon tags zuvor ein «ekliges Gefühl» beschlichen, was sich auch am Matchtag nicht änderte, als er die Augen der Spieler sah. Diese hätten sich «über dies und das» beklagt, berichtete Redknapp, bevor er, von Fragestellern ermuntert, zum Thema Kunstrasen überging. Schon im Training hätten sich Spieler darauf unwohl gefühlt und über Schmerzen geklagt.
Tom Huddlestone habe allein deswegen auf der Ersatzbank Platz genommen. «Das letzte Mal, als Huddlestone auf Kunstrasen spielte, blies sich sein Knie wie ein Ballon auf. Nachher setzte er sechs Wochen lang aus», sagte Redknapp. Huddlestone sei in Bern nur ins Spiel gekommen, weil «wir verzweifelt in Not waren».
Dass ein englischer Trainer, in dessen Land und Liga der Einzug des Kunstrasens ferner ist als irgendwo sonst, nach einem solch desaströsen Start über die Plastic-Unterlage herzieht, ist nicht zu verhindern: «Ich verstehe nicht, dass dies in einem solchen Wettbewerb zugelassen wird», schloss er.
Nicht zu fassen war, wie nonchalant, unsicher und abwesend die Tottenham-Abwehr teilweise spielte; nicht daran zu denken war, dass auf eine solche Art um einen zweistelligen Millionenbetrag gespielt werden kann. Da ist der Kunstrasen als Erklärungsansatz schnell zur Hand.
Die Young Boys müssen die Sorgen und Ausreden des Widersachers nicht interessieren. Aber sie hätten in ihrem Haus gegen den wackeligen, nicht gut justierten und erst in der zweiten Halbzeit standhaften Gegner zwingend mehr vorlegen müssen, weil nächste Woche im Rückspiel in London an der White Hart Lane ein anderer Wind blasen wird.
So orakelte man allerdings schon nach dem Hinspiel gegen Fenerbahce (2:2), mit dem Resultat, dass in Istanbul Verpasstes keine Rolle spielte und YB 1:0 gewann. Gegen Tottenham stand es nach 28 Minuten 3:0. Marco Schneuwly hätte später sogar das 4:1 erzielen und Tottenham unter erheblichen Druck setzen können, bevor Pawljutschenko das 2:3 gelang.
Genau dies könnte das Gegentor zu viel gewesen sein. Jetzt reist YB immerhin mit einem positiven Resultat nach London. Aber der Kunstrasen, der muss zu Hause bleiben.
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