«Wir brauchen nicht 30 Millionen, um Basel zu schlagen»
Peter jauch
Peter Jauch ist für den Aufbau des Stadionbetriebs im Stade de Suisse Wankdorf Bern verantwortlich, das heute eröffnet wird. Jauch sagt, das neue Stadion werde einen Zuschauerboom auslösen, da für wenig Geld viel Komfort geboten werde. Klar sei, dass YB unter Erfolgsdruck stehe und um den Titel mitspielen müsse. Schwer nachvollziehbar ist für den Zürcher die Kritik an den Eintrittspreisen für die Eröffungsfeier.
«Bund»: Herr Jauch, was ist das Besondere am Stade de Suisse?
peter jauch: Die Architektur mit dem «fliegenden Dach», die Helligkeit, die luftige Bauweise.
Sie waren auch am Aufbau des St.-Jakob-Parks in Basel wesentlich beteiligt. Gefällt Ihnen das Stade de Suisse besser?
Ja, um einiges. Der St.-Jakob-Park ist mir ein wenig zu kompakt und zu dunkel.
Sie sind ein vehementer Promotor multifunktionaler Stadien wie jener in Bern und Basel. Haben die reinen Fussballstadien wie die kürzlich eröffnete Allianz-Arena München hierzulande ausgedient?
Auch München hat kein reines Fussballstadion. Dort werden Kongresse durchgeführt und Logen vermietet. Es muss nicht immer ein Shoppingcenter, eine Schule oder ein Altersheim im Stadion integriert sein, doch unbestritten ist: Ein neues Stadion muss heute intensiver genutzt werden können als für 25 Tage Fussball, dafür ist die Infrastruktur zu teuer.
Was ist denn so teuer?
Die ganze Informatik. Die Technologie mit Catering und Ticketing ist viel komplexer, als die meisten Leute denken.
Im St.-Jakob-Park generiert der Fussball weniger als die Hälfte der Einnahmen. Wie wichtig ist der Sport überhaupt? Ist er nur noch der Wohlfühlfaktor im Businesspark?
Nein. Will man aber den Fussball finanzieren, muss die entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Längerfristig überlebensfähig ist ein Profifussballbetrieb nur noch in Verbund mit einem Stadion, in dem zusätzliche Einnahmequellen erschlossen werden können. Nehmen wir Basel als Rechenbeispiel: Im Bereich Sponsoring, VIP und Donatoren mit insgesamt 2500 Leuten wird gleich viel Geld generiert wie mit 23 000 Zuschauern im übrigen Stadionbereich. Daraus ergibt sich eine der Stärken solcher Stadien: Der Normalzuschauer kann verhältnismässig günstig einen Match live sehen. Er hat die Möglichkeit, sich auf hohem Niveau preisgünstig zu verpflegen und schöne Toiletten zu benutzen. Das schätzen Frauen und Familien, die vermehrt zu einem Match kommen.
Leiten Sie daraus Ihre Schätzung ab, wonach im Schnitt 20 000 Zuschauer an ein YB-Heimspiel kommen werden?
Richtig. Die Leute werden sich wohl fühlen in diesem Stadion. Nehmen wir wieder das Beispiel Basel: 50 Prozent der Leute, die heute im neuen Stadion sind, waren früher nie an einem Match. Mit Ausnahme von Genf war dieser Effekt in Europa überall zu beobachten, wo ein neues Stadion gebaut wurde. In Arnheim wurde die Zuschauerzahl versechsfacht. In Bern ist die Begeisterung eindeutig da, das hat man im ersten Spiel gegen Marseille gesehen.
Bern ist eine Eishockeystadt, der SCB ist ungemein populär. Wie gehen Sie mit dem grossen Konkurrenten vor Ihrer Haustür um?
Das ist ein Wettbewerb, den wir austragen müssen, ich fürchte mich nicht davor. Bei den Fans wird es Synergien geben, davon bin ich überzeugt.
Im Stade de Suisse sollen jährlich 800 bis 1000 Events stattfinden. Wie viele haben Sie unter Dach und Fach?
Ich kenne die genaue Zahl nicht, aber wir erhalten täglich Anfragen. Bis Ende Oktober sind 88 Anlässe gebucht, die im Businessbereich und auf den Tribünen stattfinden. Wie es später im Jahr aussieht, weiss ich nicht, da ab August Stefan Niedermaier für das Tagesgeschäft im Stadion zuständig ist.
Müssen wir auf die ganz grossen Anlässe ausserhalb des Fussballbereichs bis 2006 warten, wenn der Kunstrasen verlegt ist?
Ja. Es sind zwar noch keine Namen bekannt, aber es gibt bereits reservierte Daten von den Grosskonzertveranstaltern Good News und Appalooza.
Sie haben seit Ihrer Ankunft in Bern 2002 wiederholt den Zorn der Fans auf sich gezogen. Sie haben mit lautem Getöse das YB-Führungsduo Fredi Bickel/Heinz Fischer verjagt, Sie haben sich mit dem früheren Trainer Marco Schällibaum überworfen, Sie haben bei der ersten Namensgebung den Begriff «Wankdorf» weggelassen. Fehlt Ihnen das Gespür für die bernische Mentalität?
Diese Geschichten wurden in den Medien einseitig wiedergegeben, ich wurde immer als Fremdling dargestellt. Dabei war es Bauunternehmer Bruno Marazzi, der mich bat, den Verein zu durchleuchten, als es im Frühling 2002 finanzielle Probleme gab. Also habe ich die Unterlagen studiert. Was ich punkto Entlöhnung angetroffen habe, war das reinste Schlaraffenland: YB war der teuerste Schweizer Aufsteiger aller Zeiten – obwohl Bickel und Schällibaum immer erzählt haben, die Spieler erhielten kaum Lohn. Inzwischen haben wir das Budget von 12,4 auf 8,5 Millionen reduziert. Mit solchen Massnahmen macht man sich nicht beliebt, weder bei den Spielern noch im Umfeld.
Wie gehen Sie denn mit der Rolle des Buhmanns um?
Im Prinzip ist mir nicht wichtig, was andere Leute über mich denken, ich arbeite rein sachbezogen. Nach 39 Jahren Tätigkeit auf diesem Gebiet weiss ich, wie es laufen muss. Sehen Sie: Ich ging beim ZSC weg – er wurde Meister. Ich ging beim FC Basel weg – er wurde Meister. YB wird früher oder später Meister. Das ist so, das ist gar nicht anders möglich.
Werden Sie da mit Geld nachhelfen? In der «Bilanz» sagten Sie jüngst, dass sich im Eishockey wie im Fussball Titel kaufen lassen.
In den stärksten Ligen wie Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland kann man die Titel nicht kaufen. In der Schweiz aber schon. Dank den Millionen von Herrn Gerber und Herrn Gut wurde GC 2003 Meister, Frau Oeri hat die letzten Titel des FC Basel bezahlt, Walter Frey jene der ZSC Lions nach 38 Jahren Unterbruch . . .
. . . und jetzt ist also YB an der Reihe.
Bedenken Sie: Basel hat ein Budget von 30 Millionen Franken, wir eines von 8,5 Millionen. Aber wir brauchen nicht 30 Millionen, um Basel zu schlagen.
Das tönt nach Vorwärtsstrategie.
Wir können gar nicht anders. Zu einem attraktiven Stadion gehört eine attraktive Mannschaft – genauso wie ein schöner Catering-Stand und eine schöne Toilette. Aber eine attraktive Mannschaft können wir uns nur leisten, wenn die Zuschauer kommen. Wenn die Leute nicht mitmachen – für wen machen wir es dann?
Mit der Verpflichtung von Hakan Yakin haben Sie einen Spieler geholt, der an guten Tagen die Massen begeistern kann. Wie kam das Engagement zustande?
YB-Präsident Peter Mast, Sportchef Marcel Hottiger und ich sind mit Hakan Yakin zusammmengesessen und haben über seine Perspektiven diskutiert. Wir haben ihm gesagt, bei YB und im neuen Stadion finde er ein Umfeld vor, in dem er an seine guten Zeiten anknüpfen könne. Das war alles. Dann hat sich YB-Trainer Hanspeter Zaugg mit ihm unterhalten, schliesslich müssen die beiden ja miteinander auskommen. Eine wichtige Rolle spielte Murat Yakin: Er sorgte dafür, dass sich das Umfeld seines Bruders veränderte.
Was ist, wenn die Young Boys trotz Hakan Yakin und den anderen Neuverpflichtungen schlecht spielen? Können Sie sich Geduld überhaupt leisten?
YB kann gar nicht mehr schlecht sein. YB kann manchmal verlieren oder eine schlechte Leistung zeigen. Aber als Dauerzustand ist das nicht möglich. Natürlich werden die Erwartungen gross sein – weil die Berner keine Geduld haben.
Weshalb haben die Berner denn keine Geduld? Oder, um auf unser beliebtes Vergleichsbeispiel zurückzugreifen: Sind die Basler anders?
In Basel ist Fussball Kultur. Der Stadttheaterdirektor geht ans Fussballspiel, die Fussballer gehen ins Stadttheater. Basel ist auch fussballpositiver. Stellen Sie sich vor, YB wird in der ersten Saison im neuen Stadion nur Vierter. Wissen Sie, was dann passiert? Wir werden geköpft. Basel durfte in der Eröffnungssaison Vierter werden, die Zuschauer kamen trotzdem.
Lange Zeit waren nur Zürcher bereit, ins Stade de Suisse Wankdorf Bern zu investieren. Wie ist die Zurückhaltung der Berner Investoren zu erklären?
Die Berner wollten zuerst abwarten, wie sich das neue Stadion entwickelt. Jetzt, da wir mit Feintool-Chef Fritz Bösch einen angesehenen Wirtschaftsmann aus der Region in unseren Reihen haben, dürfte das Eis gebrochen sein.
Sie nehmen sowohl in der YB Betriebs AG wie auch im Verwaltungsrat der Stade de Suisse Wankdorf AG Einsitz. Wie stark reden Sie bei Fussballangelegenheiten mit?
Innerhalb des Budgets haben wir bei der YB Betriebs AG alle Freiheiten. Was darüber hinausgeht, wird vom Verwaltungsrat der Stade de Suisse Wankdorf AG, welche die Mehrheit an der YB Betriebs AG hält, entschieden. Unser Ziel ist es, den Klub gesund weiterzuführen. Da habe ich auch ein persönliches Interesse daran, weil ich finanziell beteiligt bin – auch am Misserfolg.
«Wenn einmal eine nega- tive Grundstimmung da ist, dann bringt man sie fast nicht mehr weg.»
Thema Eröffnungsfeier: Die Kritik an den hohen Eintrittspreisen und am Programm ist Ihnen hinlänglich bekannt. Würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?
Ja.
Was denn?
Ich würde vielleicht Gümligen gegen Muri spielen lassen. Das kostet nichts. Aber vielleicht käme dann auch niemand ins Stadion.
Und jetzt noch im Ernst . . .
Ich sage: Wer nach diesem Spektakel nicht begeistert aus dem Stadion geht, kann mich anrufen und bekommt drei Tickets für ein YB-Spiel. Bei einer Olympiaeröffnungsfeier weiss man auch nie genau, was einen erwartet.
Weshalb lief denn der Vorverkauf so schlecht?
Wenn Sie in jeder Zeitung lesen, man wisse nicht, wer auftrete, und die Katze werde im Sack verkauft, dann ist das kein Wunder. Es wurde nicht geschrieben: Ein olympiawürdiges Spektakel ist zu erwarten. Wenn einmal eine negative Grundstimmung da ist, bringt man die fast nicht mehr weg. Deshalb bleibe ich dabei: Gümligen gegen Muri. Bern will offenbar nicht mehr. Was ist denn schon negativ an einem Eintrittspreis von 100 Franken?
Dass man in der heutigen Zeit 100 Franken nicht mehr ausgibt, ohne zu wissen, was man dafür erhält . . .
Wir haben versucht, den Medien zu erklären, was geboten wird. Aber sie haben nicht hingehört. Wir bieten immerhin eine sechsstündige Show mit 20 Gruppen, mit Choreografie, mit Künstlern, die wochenlang üben. Dazu gibt es eine Uhr mit einem Sammlerwert von 200 Franken. Wenn das kein Gegenwert ist für 100 Franken! Manchmal habe ich das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht mit den Bernern. Vielleicht ist auch meine Mentalität nicht die richtige.
Freuen Sie sich trotz den Nebengeräuschen auf die heutige Eröffnungsfeier im Stade de Suisse?
Natürlich. Nach vier Jahren Aufbauarbeit den Betrieb endlich aufzunehmen, ist ein Highlight. Das neue Stadion ist ein Juwel für Bern, auch wenn es noch nicht alle gemerkt haben. Von den 25 bis 30 Stadien, die ich in den vergangenen zwei, drei Jahren in Europa gesehen habe, gehört dasjenige in Bern zu den fünf Schönsten. Hinzu kommt, dass wir auch in sportlicher Hinsicht mit YB auf dem richtigen Weg sind. So gesehen passt am heutigen Eröffnungstag alles zusammen.
zur person
Peter Jauch ist eine der zentralen Figuren beim Aufbau des Stade de Suisse. Er ist seit 2002 Geschäftsführer und VR-Delegierter der Stadionbetreiberin Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG. Zudem ist er VR-Delegierter der Sport und Event Holding AG, in der sämtliche AGs eingebettet sind, die mit dem Stadion in Verbindung stehen. Der 59-jährige Zürcher arbeitete acht Jahre als Sportredaktor beim «Blick». Danach folgten zwölf Jahre als Mitglied der Geschäftsleitung bei Adidas. Von 1993 bis 1998 war Jauch Marketingchef der GC Eishockey AG. 1998 wurde er Geschäftsführer beim FC Basel, ein Jahr später Stadionmanager des St.-Jakob-Parks. Der zweifache Vater ist verheiratet mit der ehemaligen Tennisspielerin Petra Delhees.
Quelle: Der Bund, 30.7.2005
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