03.04.2023

Zitat:
Aufgefallen bei Servette - YB
Eine Niederlage, die in der YB-Kabine Fragen aufwirft
Ein YB-Stürmer trifft und jubelt nicht, ein anderer sitzt trotz Topform erst auf der Bank. Das und Weiteres gab bei der Niederlage in Genf zu reden.
Nsame schreibt Geschichte
Jean-Pierre Nsame hebt fast entschuldigend seine Hände. Soeben hat der YB-Stürmer gegen seinen früheren Club Servette nach Flanke von Lewin Blum per Kopfball das 1:0 erzielt (25.). Für den 29-Jährigen ist es ein ganz besonderes Tor: Er, der 2017 aus der Challenge League als Backup von Guillaume Hoarau aus Genf nach Bern gekommen war, steht nun bei 119 Treffern für die Young Boys. In der 125-jährigen Vereinshistorie haben nur Geni Meier (313) und Ernst Wechselberger (151) mehr erzielt. Seinen alten Copain Hoarau, der bis 2020 in sechs Jahren in Bern 118-mal traf, hat Nsame hinter sich gelassen. Das hätte einen Jubel verdient – trotz Zuneigung für Servette.
Fassnacht sucht nach Erklärungen
Nach dem Spiel sitzt Christian Fassnacht in der Kabine und fragt sich, wie es kommen konnte, dass YB erstmals seit Anfang September wieder verloren hat. So erzählt dies der Nationalspieler am Samstagabend in Genf vor dem abfahrbereiten Mannschaftsbus – in der Hand eine Portion Pasta, im Kopf ein paar Fragezeichen. Nach einigen Erklärungsversuchen spricht Fassnacht, der den angeschlagenen Fabian Lustenberger als Captain vertrat, von nicht gewonnenen Zweikämpfen und verlorener Konzentration und sagt: «Vielleicht lief es uns in der ersten Halbzeit etwas zu einfach.»
Vor der Pause dominierten die Young Boys zeitweise. Sie hätten vor 9189 Zuschauern deutlich höher führen können als 1:0. Sie verzeichneten auch zwei Pfostentreffer, kamen etwa durch Kopfbälle von Filip Ugrinic zu weiteren Gelegenheiten. «Bei all den Chancen auf das 2:0 hätten wir das Spiel für uns entscheiden müssen», sagt Trainer Raphael Wicky.
Das stimmt einerseits. Andererseits wird sich Wicky bei der Analyse schon ärgern, wie schlampig sein Team in der zweiten Halbzeit auftrat, nachdem Nsame eine weitere gute Chance ausgelassen hatte. Sinnbildlich eine eigentlich aussichtsreiche Offensivszene, als fünf YB-Spieler weit in die gegnerische Hälfte aufrückten und Nsame einen Pass in den Rücken von Fabian Rieder spielte. Servette setzte zum Gegenzug an, die YB-Offensivkräfte setzten nur halbherzig nach. Sie joggten, statt zurückzusprinten.
Aber als die Genfer auch diese Kontergelegenheit ungenügend abschliessen, verfestigte sich endgültig der Eindruck, dass dieses Servette nicht imstande ist, die Berner zu bestrafen. Nur zweimal hatten die Genfer in diesem Moment seit Mitte Oktober in der Liga gewonnen. Die Harmlosigkeit des Heimteams? Augenfällig.
Und dann legte der eingewechselte Hussayn Touati wunderbar für Chris Bedia ab und dieser bezwang YB-Goalie Anthony Racioppi zum 1:1 (69.). Und alles, was sich davor ereignet hatte, war wie weggewischt. Es half nicht, musste der solide Quentin Maceiras, der den gesperrten Ulisses Garcia hinten links vertrat, angeschlagen ausgewechselt werden. Der einmal mehr überzeugende Blum rückte für ihn auf links, der 18-jährige Miguel Chaiwa kam rechts hinten zu seinem erst zweiten Einsatz in der Super League.
Die Young Boys fanden den Halt fortan nicht mehr. Das Heimteam war nun überlegen, Bedia vergab bald eine gute Chance auf den Führungstreffer. Der Stürmer war es auch, der das 2:1 durch Patrick Pflücke vorbereitete (84.). Wie beim ersten Tor düpierte er dabei Nationalspieler Cédric Zesiger. Wicky sagt: «Wir sind ob des Resultats enttäuscht.» Er spricht von einer ärgerlichen, weil vermeidbaren Niederlage.
Auf Fortschritt folgt Rückschlag
Es hat schon fast Tradition, dass die Berner nach einem Spiel in Genf enttäuscht sind. Seit Servette 2019 aufgestiegen ist, hat YB im Stade de Genève nur eine von acht Partien gewonnen. «Man darf nicht vergessen, dass Servette Zweiter ist», sagt Wicky. Wobei das mehr für die Beliebigkeit in der Tabelle hinter den Young Boys spricht als für die Qualität der Genfer.
So kommt die Niederlage vor dem Cuphalbfinal beim FC Basel am Dienstag einem Dämpfer gleich. Zumal die Berner in Genf während der starken ersten Halbzeit den guten letzten Eindruck vor der Länderspielpause bestätigten. Beim 3:0 gegen den FCB zwei Wochen zuvor war ihnen die vielleicht beste Saisonleistung gelungen. Davor hatten sie den inferioren FC Sion 4:0 abgefertigt.
Insofern reiht sich die Niederlage in die Geschichte dieser Saison ein. Die Berner haben 15 Punkte Vorsprung, sie werden wohl noch im April den fünften Meistertitel in sechs Jahren gewinnen. Doch immer dann, wenn sie den Eindruck vermitteln, Schwung aufgenommen zu haben, folgt ein Rückschlag.
Itten zeigt Verständnis für Wicky
Ein anderer wäre wortlos an den Journalisten vorbei in den Mannschaftsbus gestampft. Oder hätte mit seiner Gestik oder seinen Worten der Unzufriedenheit Ausdruck verliehen. Nicht aber Cedric Itten, der sich in seiner ersten Saison bei YB längst den Ruf des Teamplayers erarbeitet hat.
Vor zwei Wochen erzielte er gegen Basel nach seiner Einwechslung in 13 Minuten einen Hattrick. Als Lohn wurde er danach vom Schweizer Nationaltrainer Murat Yakin für die Partien gegen Weissrussland und Israel nachnominiert und beide Male gleich auch noch in die Startformation beordert. Itten wusste dabei zu überzeugen, auch wenn ihm kein Tor gelang.
Mit dieser Ausgangslage kehrt er unter der Woche nach Bern zurück. Um dann von Wicky zu erfahren, dass er gegen Servette trotz Topform vorerst auf der Bank Platz nehmen muss. Der Trainer hat beim Erstellen seiner Aufstellung den Cuphalbfinal am Dienstag in Basel im Kopf. Auch den zuletzt gut aufgelegten Kastriot Imeri, der für die Schweizer U-21 zweimal von Anfang an spielte, belässt der Trainer zu Beginn auf der Bank.
Es wäre falsch, Wicky die Personalrochade vorzuwerfen. Das YB-Kader ist gebaut für die Rotation. Ugrinic zeigte anstelle von Imeri eine gute Leistung. Der Makel: Er liess in der Nachspielzeit eine weitere Chance ungenutzt. Und Nsame und Monteiro boten sich genügend Gelegenheiten, sodass der anfängliche Verzicht auf Itten nicht zum Thema hätte werden müssen.
Itten stapft nach der Partie nicht wortlos in den Bus, sondern zeigt Verständnis für die Wahl des Trainers. Am Dienstag in Basel dürfte der Stürmer wieder in der Startaufstellung stehen – wie Meschack Elia, der in Genf nach Länderspielreise mit der Demokratischen Republik Kongo ebenfalls nur eingewechselt wurde. Sollten die Young Boys beim FCB in den Cupfinal einziehen, ist die Niederlage gegen Servette schnell vergessen.
https://www.bernerzeitung.ch/eine-niede ... 5247060849