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BZ, 25.03.2008
«Bubi» in der Hooligan-Kartei
Die Fanarbeit Bern gibt Fans mit Stadionverbot eine zweite Chance: Mit S. am Fussballmatch YB - Thun
S. hat Stadionverbot. Aber ein Hooligan ist er nicht und ausser der einen Dummheit auch sonst nie negativ aufgefallen. Die Repression gegen Fans sei willkürlich, sagen Fanarbeiter.
Sie war versteckt im Gugelhopf, die Petarde, die S. von seinem Kumpel zum Geburtstag bekam. Ein Danaergeschenk, wie sich einige Tage später herausstellen sollte.
Es war am 28. Oktober letzten Jahres, die Young Boys spielten gegen den FC Basel, und S. fuhr mit seinem Vater schon am Morgen in die Rheinstadt. Der Vater hatte geschäftlich zu tun, und S. und sein Kumpel besuchten – um sich die Zeit zu vertreiben – die Messe, vor allem die Getränkestände.
Da kam ihnen eine Bieridee: «Wir dachten, wir empfangen den Extrazug der YB-Fans mit der Petarde», erzählt S. Nie habe er vorgehabt, sie ins Stadion zu schmuggeln. «Wir wollten sie vor dem Match ablassen – zur Feier des Tages.» Noch nie habe er zuvor Pyro gezündet, noch nie habe er Krawall gemacht.
Als der Extra-Zug aus Bern ankam, zündete er die bengalische Fackel. Gleich neben ihm standen einige Sicherheitsleute des FC Basel. «Die sagen bestimmt nichts», habe er gedacht. Und natürlich, räumt er ein, sei er schon ziemlich betrunken gewesen. Seelenruhig sei er noch zu einer Pfütze getrottet, um die Fackel zu löschen. Da sprangen fünf gut gebaute Sicherheitsmänner auf ihn, führten ihn in Handschellen ab. Die Spieldauer verbrachte S. in einer Zelle, zusammen mit einem Basler Hooligan. Der FC Basel hat danach ein Stadionverbot ausgesprochen, das für zwei Jahre in allen Schweizer Stadien gilt. S. wurde angezeigt wegen Verstoss gegen das Sprengstoffgesetz und erhielt eine Busse von 460 Franken. Und sein Namen steht nun in der Hooligan-Datenbank.
S. sitzt im Sektor C, ein 19-jähriger Lehrling, freundlich, sanftes Gesicht. Wegen seiner Arbeitsstelle möchte er nicht, dass sein Name in der Zeitung erscheint. Seit vier Jahren besucht er regelmässig YB-Spiele, zusammen mit ein paar Kumpels hat er einen Fanclub, keinen offiziellen, aber am Zaun hängt ihre Fahne. Unten im Sektor D peitscht der «Capo» die Kurve mit dem Megafon an. S. blickt wehmütig herunter. «Schon nicht dieselbe Stimmung hier oben», sagt er. Wegen seinem «Götti» sitzt er auf der Tribüne (siehe Kasten).
Der Götti von S. ist unter eingesessenen Fans als «Ebbe» bekannt. Seit Kindsbein geht der 31-Jährige an YB-Matchs, ein Urfan und ein Temperamentshaufen. Seine Frau hat er im Internet-Forum des Clubs kennengelernt. Und als Milaim Rama die Thuner überraschend in Führung schiesst, springt die gelb-schwarze Kleinfamilie synchron hoch und flucht im Duett.
«Willkürliche Repression»
«S. macht keiner Fliege etwas», sagt Ebbe, nachdem YB ausgeglichen und er sich wieder etwas beruhigt hat. «Vor diesem ,Bubi‘ fürchten sich nicht einmal die Thuner Fans», witzelt er. Es habe S. bislang auch noch nie zurechtweisen müssen. S. sei ein Beispiel dafür, wie willkürlich und übertrieben die Repression gegenüber Fans sei.
Eine Meinung, die die zwei Berner Fanarbeiter Rafael Ganzfried und Lukas Meier teilen. Sie kommen rasch vorbei, um ein Auge auf S. zu werfen. Zwölf Fans haben sich beworben, neun wurden zum Pilotprojekt «2.Chance» zugelassen. «Die Rückmeldungen der Göttis sind sehr gut, es hat bisher keine Probleme gegeben», sagt Ganzfried. Die Hälfte habe im oder ums Stadion Pyro gezündet. Die anderen Teilnehmer hätten allesamt wegen einer Rauferei am Rande eines Spiels in Sion Stadionverbot. «Sion ist ein Verein, der sehr rasch Verbote erteilt», sagt Meier. Ein Fan habe unbeteiligt auf jemanden gewartet. «Es reicht, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist.» Notorische Gewalttäter hätten dagegen keine Chance, ins Projekt aufgenommen zu werden.
Es wird ein aufreibendes Spiel gegen den FC Thun, aber ausser den üblichen paar Kraftausdrücken aus dem Fanjargon lässt sich S. nichts zuschulden kommen. Er ist sicher, dass sein Stadionverbot bald aufgehoben wird. Da ist auch sein Kumpel froh, der ihm die Petarde geschenkt hat. Bis dahin sitzt nämlich auch er im ungeliebten Sektor C – er hat ein schlechtes Gewissen.
_________________ For Ever
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