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Bund, 10.04.2006
«Fussball verrückt» im Morast
3:3 (1:3) auswärts gegen den FC Zürich: Den Young Boys reichte ein souverän herausgespielter Dreitore-Vorsprung nicht zum Sieg
Ein verrücktes Spiel, das die Young Boys eigentlich hätten gewinnen müssen: Sie führten nach 36 Minuten dank beein-druckender Effizienz bei «stehenden Bällen» mit 3:0 – doch mit grossem Willen kämpfte sich der FCZ wieder heran und kam in der Nachspielzeit doch noch zum 3:3-Ausgleichstor.
3:3 auf dem Letzigrund – das ist aus YB-Sicht gewiss ein gutes Resultat. Diesmal aber war das nur bedingt so: Nach 94 spannenden Spielminuten hatten vor allem die Zürcher Grund zur Freude – denn ihnen blieb in diesem aufwühlenden Match das letzte Wort: In der Nachspielzeit realisierte Keita mittels Foulpenalty doch noch den Ausgleichstreffer für den FC Zürich, der nach 36 Minuten (0:3) scheinbar hoffnungslos in Rückstand lag.
So konnte man sich bei den Young Boys über den an sich guten Auswärtspunkt nicht so richtig freuen. Schliesslich hatte man beim Tabellenzweiten sehr lange und auch ernsthaft mit dem Sieg geflirtet, bevor die Mannschaft – nicht das erste Mal übrigens – in der Schlussphase die Übersicht verlor und sich die Butter vom Brot nehmen liess.
Zur Erinnerung: Vor einer Woche verlor YB in Basel 0:2 mit Gegentoren in der 87. und in der 91. Minute, und vor 14 Tagen ging der Match gegen den FCZ im Stade de Suisse 0:2 verloren – mit Gegentoren in der 80. und 92. Minute.
Diese Fülle von Gegentreffern in den Schlussminuten war übrigens kaum je auf die schwindenden Kräfte zurückzuführen: Es waren eher die flatternden Nerven der Berner Spieler, die auch gestern im Letzigrund die gegnerischen Druckphasen überhaupt erst ermöglichten. Bei YB war kein Akteur mehr in der Lage, Ordnung und Ruhe in die eigenen Aktionen zu bringen und damit die zunehmend überlastete (und überforderte) Abwehr mit geschicktem Ballhalten zu entlasten. Ein Yakin in bester physischer Verfassung hätte dies vielleicht tun können – und vielleicht auch Everson. Aber Hakan Yakin, der links im Mittelfeld spielte, baute nach einer sehr starken ersten Halbzeit erwartungsgemäss ab (Defensivverhalten) und er wurde nach 57 Minuten ausgewechselt. Der Brasilianer Everson anderseits stand aufgrund seiner Spielsperren gar nicht im Aufgebot.
«Stehende Bälle» der Extraklasse
Nun, die fatalen Schlussminuten von Zürich (und das leistungsmässige Abbauen in der zweiten Halbzeit) dürfen auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Young Boys auf dem Letzigrund sehr lange einen ganz ausgezeichneten Match gespielt hatten: Nach ein paar Minuten des Abtastens und der Kontrolle des Gegners (man liess ihn gar nicht erst in den eigenen Strafraum vordringen) schritt man ähnlich wie jüngst beim Cup-Halbfinal selber zum Angriff. Die YB-Aktionen wurden derat zielstrebig und schnell durchgeführt, dass sich die sichtlich überraschten Zürcher oft nur mit Foulspiel zu wehren wussten.
Daraus resultierten immer wieder gefährliche Standardsituationen für die Young Boys – gleich drei davon nutzten sie zu Toren aus. Eine beeindruckende Bilanz, die übrigens noch besser hätte ausfallen können: Der gute Schiedsrichter versagte einem regulären Treffer von Tiago (25. Minute; er verwertete eine weite Hereingabe Varelas) die Anerkennung. War es ausgleichende Gerechtigkeit, als Keita kurz vor der Pause gleiches widerfuhr?
Es gab manche strittige und schwer zu entscheidende Szene in dieser Partie, die bei immer schwieriger werdenden Terrainverhältnissen bis zuletzt in hoher Intensität geführt wurde.
Das fatale erste Gegentor...
Auf dem Morast des Letzigrunds verdankte der FC Zürich den Erfolg seiner Aufholjagd vor allem seinem eminent wichtigen ersten Treffer zum 1:3 kurz vor der Pause. Das Tor verlieh der Mannschaft, die vorher jegliches Selbstvertrauen verloren hatte, neuen Mumm – im gleichen Mass aber vermochte es die YB-Hintermannschaft zu verunsichern.
So kam es denn, wie es kommen musste: Die Young Boys wurden in der zweiten Halbzeit fast ständig in die eigene Abwehrzone gedrängt – und sie hielten dem Druck (miterzeugt zuletzt von gleich drei echten FCZ-Spitzen) nicht mehr ganz stand.
Dennoch: Das 3:3 erlaubte es den Bernern, die Heimreise noch immer als Tabellendritte anzutreten. Im Falle einer Niederlage wären sie von den gestern spielfreien Grasshoppers ein- und überholt worden. (cb)
ZÜRICH - YOUNG BOYS 3:3 (1:3); Letzigrund. – 8200 Zuschauer. – SR Circhetta. – Tore: 7. Gohouri 0:1. 18. João Paulo (Foulpenalty) 0:2. 36. Tiago 0:3. 41. Keita 1:3. 53. Inler 2:3. 92. Keita (Foulpenalty) 3:3. Bemerkungen: Zürich ohne Rafael (gesperrt), Cesar (verletzt); YB ohne Everson und Portillo (beide gesperrt).– Verwarnungen: 21. Stucki (Foul), 41. Dzemaili (Unsportlichkeit), 74. Filipescu (Foul), 91. Tiago (Foul). Zürich: Leoni; Stahel (71. Stanic), Filipescu, Von Bergen, Stucki (46. Alphonse); Di Jorio (71. Nef), Dzemaili, Inler, Schneider; Margairaz; Keita. Young Boys: Wölfli; Christian Schwegler, Tiago, Gohouri, Hodel; Pirmin Schwegler; Varela (82. Aziawonou), Joël Magnin, Hakan Yakin (57. Raimondi); João Paulo (89. Häberli).
EXTRA
«Nein, das darf man nicht...»
«Wir haben einen Punkt geholt – das ist doch wunderbar!» – Gernot Rohr, dem YB-Trainer, war auch nach der turbulenten und hektischen Schlussphase nicht anzusehen, dass er innerlich kochte. Schon wieder hatte sein Team nicht ganz durchgehalten und in den letzten Minuten einen entscheidenden Gegentreffer kassiert. Das durfte doch nicht wahr sein. Und dann dieser Penalty...
Von seinem Platz auf der Trainerbank aus hatte Rohr das Gefühl, dass dieser Elfmeter nicht hätte gegeben werden dürfen. Doch nach dem Studium der Fernseh-Bilder revidierte er sein Urteil: «Ja, Tiago hat leicht am Trikot seines Gegenspielers Stanic gezupft. Nein, das darf man nicht – und schon gar nicht so kurz vor Schluss. Das müsste der Spieler eigentlich wissen.»
Nun, dieser Tiago hatte gestern so seine Hochs und Tiefs: Der verschuldete Elfmeter war der Tiefpunkt, sein Tor zum 0:3 in der 36. der Höhepunkt. Es war dies der erste Treffer des Brasilianer für den BSC Young Boys – im x-ten Versuch...
Eigentlich hatte Tiago, der sich in den letzten Monaten nicht gerade als abschlussstark erwiesen hatte, gestern sogar zwei reguläre Treffer erzielt – zu seinem Leidwesen zählte sein Goal in der 25. Minute aber nicht. Solches war ihm schon beim Heimspiel gegen den FCZ vor zwei Wochen (0:2) passiert: Damals jubelte er nach dem (korrekt erzielten) vermeintlichen 1:0 vergeblich – der österreichische Schiedsrichter winkte zum Leidwesen auch des Berner Publikums ab. Gestern hat es für Tiago nun im dritten Anlauf doch noch geklappt.
Tiagos Landsmann Everson sass auf dem Letzigrund nur auf der Tribüne – nachdem der YB-Rekurs infolge Formfehlers abgeschmettert worden war («Bund» vom Samstag), muss der Brasilianer auch am Mittwoch gegen den FC Schaffhausen pausieren. Gemäss Marcel Hottiger, dem Sportchef, ist Everson im Cupfinal aber spielberechtigt. Zum peinlichen Fehler bei der Einsprache des YB-Rechtsberaters (es fehlten die Unterschriften der betroffenen Spieler) sagte Hottiger gestern: « Aus diesem Fehler werden wir lernen.» (cb)
_________________ For Ever
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